Die jüdische Bloggerin Juna Grossmann
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- Bloggerin Juna Grossmann: "Schändungen von Friedhöfen und Synagogen - es ist Alltag"

Der 9. November markiert auch die Erinnerung an die Pogromnacht 1938, als die Nazis Synagogen und jüdische Geschäfte in Brand steckten. Antisemitismus bleibt in Deutschland alltäglich, berichtet die jüdische Bloggerin Juna Grossmann Inforadio-Redakteur Christian Wildt. Das versuchte Attentat auf die Synagoge in Halle sei nur eine Folge. Heute sagt Grossmann: Die Abstände werden kürzer zwischen den Momenten, in denen sie sich fragt: Soll ich gehen?

Nach dem versuchten Attentat auf die Synagoge in Halle vor rund einem Monat, hat die Bloggerin Juna Grossmann einen Artikel auf ihrem Blog "irgendwie jüdisch" veröffentlicht. "Es war eine große Verstörung, auch eine Verstörung, die mich selbst überrascht hat", sagt Grossmann im Inforadio.

Sie habe schon damit gerechnet, dass etwas passieren werde - und das auch bald. "Doch als es dann passiert war, stand es wie ein Kolloss im Raum." Und es habe sich die Frage gestellt, wie es weitergeht. Von Freunden in Israel habe Grossmann gelernt: "Leben. Leben ist das Allerwichtigste."

Lang tradierte Verschwörungstheorien

Sie merke, dass die Abstände kürzer werden zwischen ihren plötzlichen Gedanken: Soll ich gehen, Deutschland verlassen? Nur: "Es ist ja kein deutsches Problem, es ist ein weltweites Problem." Beim Weggehen stelle sich die Frage: Ist es dort wirklich besser?

Statistiken zufolge hat jeder Vierte in Deutschland antisemitische Tendenzen: Grossmann erklärt sich das mit lange tradierten Verschwörungstheorien, wie etwa Juden beherrschten Kapital und Medien. "Der Glaube ist so tief, so fest verankert, dass sich viele Leute gar nicht bewusst darüber sind, dass es antisemitisch ist, dass es eine alte Verschwörungstheorie ist."

"Geh' doch nach Hause!"

Judenfeindlichkeit sei allgegenwärtig in Deutschland, sagt Grossmann. "Friedhofsschändungen, Beschmierungen von Synagogen: Es ist Alltag." Das Problem dahinter sei: Alarmzeichen werden nicht gesehen, häufig würden Verfahren eingestellt.

Grossmann arbeitet in eine NS-Gedenkstätte, unter anderem mit Schülerinnen und Schülern. Sie sei immer wieder mit Aussagen konfrontiert wie: "Geh' doch nach Hause!" Meist werde daraufhin geschwiegen. "Widerspruch gibt es relativ selten." Manchmal seien auch Menschen aufgestanden, aber das sei eher eine Seltenheit.