Siegbert Schefke im Herbst 2014 in Leipzig (Bild: imago images/Rolf Zöllner)
imago images/Rolf Zöllner
Bild: imago images/Rolf Zöllner

- Siegbert Schefke: "Ich wollte zeigen, wie wir hier leben"

Die Montagsdemonstrationen in Leipzig vor 30 Jahren gelten als wichtige Wegbereiter für die friedliche Revolution in der DDR. Am 9. Oktober 1989 standen 70.000 Menschen einer bewaffneten Staatsmacht gegenüber. Dieses Ereignis haben Siegbert Schefke und Aram Radomski mit Video und Fotos dokumentiert und dem Westen zugespielt. Inforadio-Redakteur Christian Wildt hat über diese Zeit mit dem Journalisten Schefke gesprochen.

Schon alleine Siegbert Schefkes Anreise nach Leipzig an jenem 9. Oktober 1989 liest sich wie ein Kapitel aus einem Thriller: Schefke lebt damals in Prenzlauer Berg in Berlin, sein Wohnhaus in der Nähe der Gethsemanekirche ist rund um die 40-Jahre-DDR-Feier am 7. Oktober 1989 von Stasi-Spitzeln umstellt. "Ich musste über das Dach meines Wohnhauses aussteigen und über zehn Häuser vorlaufen zur Schönhauser Alee. Dort hat mich mein Freund Aram Radomski erwartet. Mit ihm habe ich die Dachluken mit einem Bolzenschneider geöffnet", erzählt Schefke im Gespräch mit Christian Wildt.

"Unsere Bilder werden die Welt verändern"

Beide wechselten dann dreimal einen Trabant und fuhren mit einem fremdem Auto nach Leipzig. Als sie die Sicherheitskolonnen auf der Autobahn in Höhe von Köckern überholten, wurde ihnen klar: "Da passiert was heute Abend in Leipzig", so Schefke. Dort angekommen suchten sie zunächst nach einem perfekten Standort für ihre Kamera. Den fanden sie im Turm der Reformierten Kirche. "Der Pfarrer sagte nach kurzer Bedenkzeit: Wir machen das! Am Nachmittag fieberten wir dann in 70 Metern Höhe mitten im Taubendreck des Kirchturms der Demo entgegen. Das war ein faszinierender Anblick von da oben, die schwarze Masse von Zehntausenden Menschen auf den Straßen. Wir wollten beweisen: In Leipzig wird friedlich mit den Füßen auf der Straße abgestimmt", berichtet Schefke 30 Jahre später. "Uns war klar: Wenn diese Bilder morgen im Westfernsehen laufen, was in 95 Prozent der Osthaushalte empfangbar war, dann wird das ganz Europa und die Welt verändern."

"Mehr ging nicht"

Heute blickt Schefke glücklich auf jene Tage im Herbst 1989 zurück. "Ich freue mich heute, ich bin 60 Jahre alt. 30 Jahre habe ich in Unfreiheit gelebt, 30 Jahre in Freiheit. Das ist schon eine tolle Sache, dass man halb und halb das Leben gemeistert hat", resummiert er. Es gebe für ihn fünf Tage im Leben, die er niemals vergessen werde: "Meine Hochzeit, die Geburt meiner beiden Kinder, der 9. Oktober 1989 - und dann 30 mal schlafen, bevor die Mauer und das ganze DDR-Regime fällt. Mehr ging nicht. Das macht mich heute unglaublich zufrieden."