Thomas Mücke, Gründer des Vereins Violence Prevention Network
imago images / Horst Galuschka
Bild: imago images / Horst Galuschka

- Thomas Mücke begleitet Dschihad-Rückkehrer

Etwa 500 IS-Kämpfer mit deutschem Pass sollen sich noch in Syrien befinden, einige von ihnen könnte demnächst nach Deutschland zurückkehren. Thomas Mücke arbeitet dafür, dass Extremisten wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Er ist Vorstand des Violence Prevention Network, einer Organisation, die in Zusammenarbeit mit den Behörden versucht, extremistische Gewalttäter zu deradikalisieren. rbb-Redakteurin Ursula Voßhenrich hat mit ihm darüber gesprochen, ob man zu den Syrien-Rückkehrern ein Vertrauensverhältnis aufbauen kann.

IS-Kämpfer mit deutschen Pass müssen zurück in Deutschland zuerst wieder lernen, eigenständig zu denken. Das sagt Thomas Mücke, Vorstand des Violence Prevention Network, einer Organisation, die sich um die Deradikalisierung von IS-Kämpfern kümmert, im Inforadio-Interview. "Syrien-Rückkehrerinnen und -Rückkehrer leben in so einem geschlossenen Weltbild, dass sie zu eigenständigem Denken gar nicht fähig sind."

Es sei wichtig, bei diesen Menschen eine Reflektion zu fördern. Nur so könnten sie auch eine Verantwortung für die meist schrecklichen Kampftaten übernehmen. "Die Schuldeinsicht ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass man mit diesen Personen noch arbeiten kann", sagt Mücke.

Inwieweit steckt die IS-Ideologie noch in den Köpfen?

In den kommenden Wochen könnten bis zu 100 IS-Kämpfer mit deutschem Pass aus Syrien und dem Nordirak zurückkehren. Sie befinden sich derzeit mehrheitlich in kurdischer Kriegsgefangenschaft.

"Wir müssen sehr genau schauen, inwieweit die Ideologie des sogenannten IS in dieser Person noch in irgendeiner Weise vorhanden ist. Das sind Prozesse, die bisweilen zwei oder drei Jahre dauern", erklärt Mücke. Wichtig sei es, sicher zu gehen, dass von den Personen keine Gefahr mehr ausgeht.

 

Ein Platz in der Gesellschaft ist entscheidend für die Deradikalisierung

Mücke sieht aber auch eine wichtige Verantwortung bei der Gesellschaft: "Wenn die Menschen hier geboren, hier aufgewachsen sind und hier in diesem Land die Konflikte entstanden sind, die dazu geführt haben, dass sie im extremistischen Milieu gelandet sind, dann müssen wir als Land auch dafür die Verantwortung tragen."

Er kenne Fälle, bei denen sich Menschen komplett deradikalisiert haben und ein unauffälliges Leben führten. Aber dafür müssten sie auch eine Chance bekommen. "Es kann sein, dass sich eine Person vom Extremismus distanziert, aber wenn sie keinen Platz in der Gesellschaft findet, dann besteht die Gefahr, dass die Person sich erneut radikalisiert."

 

Rund 100 traumatisierte und unterernährte Kinder

Besonders wichtig, ist es laut Mücke auch die Kinder von ehemaligen IS-Kämpfern im Blick zu haben. Etwa 100 Kinder betreffe dies, sie seien traumatisiert und unterernährt, teilweise bestehe Lebensgefahr.

"Die Kinder haben nicht die geringste Schuld, daran, was die Eltern getan haben und sie befinden sich in konkreter Gefahr." Der Staat sei verpflichtet, sich um das Kindeswohl zu kümmern und die Kinder aus der Gefangenschaft rauszuholen.