Die Historikerin Sophie von Bechtolsheim hat bisherigen Beschreibungen Stauffenbergs gerade eine weitere, sehr persönliche hinzugefügt. Denn sie ist seine Enkelin. (Bild: imago/Zensen)
imago/Reiner Zensen
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- Stauffenberg-Attentat: "Für Deutschland hat Papi das getan"

75 Jahre ist es her, da hatte Claus Schenk Graf von Stauffenberg eine Bombe unter Hitlers Tisch platziert - die zwar tötete, aber eben nicht Hitler. Die Historikerin Sophie von Bechtolsheim hat bisherigen Beschreibungen Stauffenbergs gerade eine weitere, sehr persönliche hinzugefügt. Denn sie ist seine Enkelin. Über ihre Familiengeschichte und ihr Buch: "Stauffenberg - mein Großvater war kein Attentäter" sprach Inforadio-Redaktur Christian Wildt mit der Autorin.

"'Für Deutschland hat er das gemacht." So erkärte Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg  vor 75 Jahren ihren kleinen Kindern, dass ihr Mann Claus gerade vergeblich versucht hatte, den Diktator Hitler umzubringen. Nun sei der "Papi" selber tot. Ninas Enkelin Sophie von Bechtolsheim hat diese Familien-Geschichte genauso in ein neues Buch eingearbeitet wie andere Quellen zum Hitler-Attentäter.

"Tyrannenmord" statt "Attentat"

Dabei ist der Titel des Buches der Historikerin von Bechtolsheim recht provozierend, weiß sie selbst. Doch ihrer Meinung nach wird der Begriff des "Attentäters" ihrem Großvater aus mehreren Gründen nicht gerecht. Zum einen habe das Wort "Attentat" heute eine klare Konnotation. Heute bedeute es, Angst und Schrecken zu verbreiten, maximale Aufmerksamkeit auslösen zu wollen, wie das bei rechtsextremistischen oder islamistischen Anschlägen der Fall sei. Das Tötungsdelikt ihres Großvaters und der anderen Verschwörer sei hingegen in einem Spannungsfeld geplant gewesen: ein Dilemma, einen Menschen wissentlich zu ermorden, damit aber großes Leid zu beenden.

Außerdem reduziere der Begriff "Attentat" ihren damals 37-jährigen Großvater auf diesen einen Moment seines Lebens, was ihm nicht gerecht werde - und auch nicht denjenigen, die maßgeblich neben von Stauffenberg an der Planung und Durchführung beteiligt waren. Sophie von Bechtolsheim findet deshalb den Begriff des "Tyrannenmordes" passender, der das Dilemma der Männer um den 20. Juli 1944 widerspiegelt: den Mord eines Menschheitsverbrechers, der so viel Unheil gebracht hat.

"Mein Großvater war kein glühender Anhänger Hitlers"

Im Vis à Vis spricht die Historikerin über ihre einzigartigen, ihre eigenen historischen Erfahrungen. Zum Beispiel die Gespräche mit der Großmutter in deren Küche, als von Bechtolsheim Abitur in Bamberg gemacht hat. Deren Erzählungen über die Zeit, nachdem der Großvater gestorben war. Dass sie davon im Radio erfahren hatte und sich schon genau überlegt hatte, was sie ihren Kindern erzählt. Dass die Kinder wussten, dass sie nun von den Nationalsozialisten ausgeschlossen waren und dennoch einen Vater hatten, der "für Deutschland" gekämpft hat.

Der Historikerin ist wichtig, ihren Großvater von dem Mythos des anfangs "glühenden Hitler-Verehrers" zu befreien. "Ich folge nicht der These und die These teilen auch andere seriöse Historiker nicht." Stattdessen sei von Stauffenbergs Persönlichkeit vielschichtiger, komplexer gewesen. Er habe Hitlers Aufstieg mit Staunen betrachtet und auch in einigen Punkten mit ihm übereingestimmt, zum Beispiel der Ablehnung des Versailler Vertrags. Allerdings habe es von Stauffenbergs Rechtsempfinden zutiefst widersprochen, Menschen zu ermorden. Diese Empörung sei Motor für die Planung der Ermordung Hitlers gewesen.  

"Seine Botschaft ist, dass der Mensch frei ist"

Dennoch bleibt ihr der Großvater in seinen eigenen schriftlichen Hinterlassenschaften fremd, sagt die Historikerin im Vis à Vis. Richtig nah käme sie ihm vor allem durch Berichte seiner Verwandten und Wegbegleiter, die seine Persönlichkeit übereinstimmend beschreiben. Sie gäben das Bild einer spritzigen und humorvollen Person ab, der in herausfordernden Situationen Ruhe ausgestrahlt habe und ein großes Organisationstalent gewesen sei.

Als Botschaft habe er der Menschheit hinterlassen, selbst bei totaler Unterdrückung frei zu sein - im Denken und Handeln. So frei, dass man auf sein Gewissen und das Signal hören könnte, Verantwortung zu übernehmen, die man dem jeweils nächsten schulde.