Symbolbild: Eine Frau steht vor einem futuristischen Hologramm-Computer. (Bild: imago/ Science Photo Library)
imago/ Science Photo Library
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- Cyberpsychologin: "Uns fehlt das digitale Bewusstsein"

Vor 30 Jahren wurde das World Wide Web erfunden - heute können wir kaum noch ohne leben. Das Netz scheint immer weiter in unser Leben hineinzuwachsen, es gibt keine direkte Trennung mehr zwischen online und offline. Im Netz schaffen wir uns digitalen Lebensraum, verwachsen und verstricken uns mit ihm. Über die Folgen sprach Inforadio-Redakteur Christian Wildt mit der Sozialpsychologin Dr. Catarina Katzer.  

Durchschnittlich gucken wir alle sieben bis zehn Minuten auf unser Smartphone, sagte Katzer, die jüngere Generation tue dies sogar noch weitaus öfter. Was uns dabei verloren ginge, sei das Gefühl für Zeit, ja, es könne gar zu einem Gefühl von Desorientierung kommen, sagte die Expertin. Sie beschreibt diese Situation als "Cyberautomatismus", bei dem wir in unser digitales Leben hineingleiten, ohne dass wir dies bemerkten. Dabei bleibe aber der physische Köroper vor dem Endgerät - sei es der Computerbildschirm oder das Smartphone - sitzen.

Oft denken wir, so Katzer weiter, wir erledigen durch das digitale Multitasking Dinge unseres Alltags schneller. Tatsächlich werden wir aber langsamer, unkonzentrierter, merken uns Dinge schlechter. Unsere Aufmerksamkeit wird zerstückelt zwischen vielen Ebenen, die uns in ihrer Gleichzeitigkeit kognitiv überfordern: zwischen Plattformen und Apps, aber auch realen Kontakten mit Familie, Freunden, Partnern und den Anforderungen in Beruf und Schule.

Datenraum wird zum Lebensraum
Auch wer das Gefühl hat, seinen Online-Konsum ganz gut im Griff zu haben, kann mit Kontroll-Apps feststellen, wie oft er oder sie tatsächlich bestimmte Anwendungen nutzt oder schlichtweg das Smartphone zückt. Oft ist es mehr Zeit, als wir denken: "Uns fehlt das digitale Bewusstsein", sagt die Forscherin. Auch unsere Emotionen würden im digitalen Raum größer und direkter als in der realen, persönlichen Begegnung - seien es die blinkenden Herzen einer Grußbotschaft oder die Hasskommentare in den sozialen Medien. Im direkten Kontakt können Situationen dadurch problematisch werden: "Gerade in der jüngeren Generation sehen wir, dass sie zum Teil kein Problemlöseverhalten mehr haben." Das Netz suggeriert schnelle Lösungen - auch für das eigene Leben. Doch es ist eben oft nicht so und viele Menschen fühlten sich überfordert.

Das Netz sei vom nüchternen Datenraum für Wissenschaft und Militär zu einem digitalen Lebensraum geworden, in dem auch ausprobiert werden kann und darf. Katzer wünscht sich für die Zukunft ein Schulfach, das Technologie und die cyberpsychologische Komponenten verbindet, denn sie beobachtet bei jüngeren Menschen auch den Verlust des Bezugs zum realen Leben. "Das Internet macht nichts Neues mit uns, aber es bringt uns auf eine andere Ebene."

Zur Webseite von Catarina Katzer gelangen Sie hier.

Buchtipp:
Catarina Katzer
"Cyberpsychologie: Leben im Netz: Wie das Internet uns verändert" (2016)
dtv Verlagsgesellschaft 

Wiederholung der Sendung vom 12. März 2019