Archiv: Ein Jemenit erhält Lebensmittel in einem humanitären Zentrum in Sanaa im Jahr 2013. (Bild: imago)
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- Zentrum für Humanitäre Hilfe: Das Dilemma der Neutralität

Humanitäre Helfer sind in vielen Krisengebieten dieser Welt aktiv und wollen nur eines: den notleidenden Menschen helfen - und das möglichst ohne politische Einmischung. Doch in der Praxis müssen Helfer oft Kompromisse eingehen. Um über dieses Dilemma offener zu diskutieren, hat sich in Berlin das "Zentrum für Humanitäre Hilfe" gegründet. Matthias Bertsch hat mit Gründungsdirektor Ralf Südhoff gesprochen.

Noch nie war humanitäre Hilfe so wichtig wie heute, sagt Südhoff. Die Hilfe wird zudem viel häufiger kritisch hinterfragt und ist schlecht finanziert. All dies lasse wenig Raum für inhaltliche Diskussionen, wie sie das "Zentrum für Humanitäre Hilfe" nun anstoßen möchte.

Das Zentrum hat drei Träger: Ärzte ohne Grenzen, Caritas International und das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung. Ein zentrales Thema ist die "Neutralität", die Helferinnen und Helfer in Krisengebieten ausüben sollen. Doch hier komme es immer wieder zu Schwierigkeiten.

Was, wenn bekannt ist, dass zehn Prozent der Hilfsgüter abgezweigt und damit Waffen finanziert werden, die den Konflikt befeuern? Soll man Geld von Gebern annehmen, die in einer Krisenregion Unruhe stiften? Darf man mit bestimmten Gruppen paktieren, um sicherzustellen, dass jene in schlimmster Not überhaupt erreicht werden? Ein weiteres akutes Thema ist die Frage, ob humanitäre Hilfe nicht Kolonialismus unter anderen Vorzeichen ist.  

Ein Porträtbild von Ralf Südhoff, Gründer des "Zentrum für Humintäre Hilfe". (Bild: Matthias Bertsch)
Ralf Südhoff vom Zentrum für Humanitäre Hilfe Bild: rbb/ Matthias Bertsch

Südhoff will Debatte enttabuisieren

Die Zusammenhänge haben sich verändert - humanitäre Krisen dauerten heute im Schnitt eher Jahre statt Wochen, sagt Südhoff. Deutschland, einstmals noch ein "Zwerg" in der Hilfe hat sich zum zweitgrößten Geber entwickelt. Doch die Diskussion über die Praxis in den Organisationen ist noch nicht transparent genug.

Auch die Spender hat das Zentrum im Blick: "Es betrifft auch jeden einzelnen, diese Hoffnung: ich spende nur an Organisationen und in Krisen wo ich weiß - jeder Euro kommt an. Das ist eine Illusion, mit der müssen wir, glaube ich, viel offener umgehen."

Südhoff will im "Zentrum für Humanitäre Hilfe" die Debatte vor allem enttabuisieren. Das Zentrum bietet dafür Analysen, neue Strategien, diskutiert Ansätze wie den Einsatz von Drohnen oder Internet-Monitoring in unzugänglichen Gebieten oder auch Medienarbeit. Man dürfe, so Südhoff, nicht in ein naives Denken abgleiten, dass man einfach nur mehr tun müsse.  

Wiederholung der Sendung vom 11. Februar 2019