Anne-Frank-Zentrum mit Bild von Anne Frank in der Rosenthaler Straße in Berlin
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- "Vielleicht wäre Anne Frank eine Person des öffentlichen Lebens geworden"

Vor 90 Jahren wurde Anne Frank geboren - am Mittwoch soll deshalb ein Zeichen gegen Antisemitismus und für Demokratie gesetzt werden. Das Interesse für die jüdische Tagebuch-Autorin ist ungebrochen, vor allem bei jungen Leuten. Veronika Nahm leitet den Bereich Ausstellung und Pädagogik im Anne-Frank-Zentrum Berlin. Inforadio-Reporterin Marianne Mielke spricht mit ihr über das, was man von Anne Frank lernen kann und was sie wohl heute tun würde.

Am 12. Juni 2019 hätte Anne Frank ihren 90. Geburtstag gefeiert. Ihr Leben, das 1945 endete, weil sie von den Nazis ermordet würde, rege zum Nachdenken an, sagt Veronika Nahm im Inforadio. Sie hat die Ausstellung "Alles über Anne" im Berliner Anne-Frank-Zentrum konzipiert.

"Das ist der große Schatz von Anne Frank. Wir haben über 400 persönliche Fotos - und durch diese Fotografien kommt uns die Person heute ganz nahe." Für die Ausstellung habe sie den biographischen Ansatz gewählt, erklärt Nahm. Das bedeutet, dass sich Kinder und Jugendliche mit Anne Frank identifizieren können, sei es durch die Zahl an Geschwistern oder auch mit Diskrimierungserfahrungen.

Fragen stellen und die Suche nach Antworten begleiten

"In der pädagogischen Arbeit ist es für uns wichtig, die unterschiedlichen Rollen in der Gesellschaft des Holocaust zu betrachten", sagt Nahm. "Anne Frank war Opfer, es gab die Helferin, aber es gab natürlich auch Täter." Sich die Frage zu stellen: Was sind die Gründe fürs Helfen? Das fänden Kinder spannend.

Eine weitere Frage sei: Was hat das mit heute zu tun? "Es ist essentiell wichtig, hier die Frage zu stellen und nicht die Antwort zu liefern", erklärt Nahm. Die Kinder und Jugendlichen geben Nahms Erfahrungen zufolge ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage und es sei auch nicht einfach. Dennoch sei es wichtig, dass die Kinder selbst den Prozess der Suche nach einer Antwort durchliefen.

Sie war selbstbewusst und konnte gut reflektieren

Würde Anne Frank heute noch leben, was glaubt Veronika Nahm, was sie heute tun würde? "Ich denke mir, Anne Frank war eine selbstbewusste Person, die durchaus auch gern mal im Mittelpunkt stand. Ich kann mir vorstellen, dass sie eine Person des öffentlichen Lebens gewesen wäre und dass sie einen besonderen Zugang zu Kindern und Jugendlichen gehabt hätte."

In Anne Franks Tagebuch könne man sehen, dass sie ihre eigenen Gedanken und Gefühle sehr gut reflektieren und in Worte fassen konnte, sagt Nahm.

Hintergrund: Daten zu Anne Frank

- 12. Juni 1929 - Anne Frank wird als zweites Kind von Otto und Edith Frank in Frankfurt geboren. Ihre Schwester Margot ist zweieinhalb Jahre älter als sie.

- Frühjahr 1933 - Unter den Nationalsozialisten sieht Otto Frank keine beruflichen Perspektiven mehr für sich und keine unbeschwerte Kindheit für seine Töchter. Die Familie entschließt sich zur Emigration. Zunächst baut Otto Frank eine Firma in den Niederlanden auf, Ende 1933 folgt ihm seine Frau mit der älteren Tochter, im Februar 1934 kommt Anne nach einem Aufenthalt bei der Großmutter nach Amsterdam.

- 1. September 1939 - Mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt der Zweite Weltkrieg

- Mai 1940 - Die deutsche Wehrmacht erobert die Niederlande. Unter der Besatzung wird das Leben der jüdischen Bevölkerung zunehmend eingeschränkt

- 12. Juni 1942 - Zu ihrem 13. Geburtstag erhält Anne ein Tagebuch als Geschenk. In ihm beschreibt sie typische Teenagersehnsüchte, aber auch die Verhältnisse unter der Besatzung.

- 6. Juli 1942 - Kurz nachdem Margot eine Aufforderung zum Arbeitsdienst nach Deutschland erhalten hat, taucht Familie Frank unter. Das Versteck im Hinterhaus von Otto Franks Firma wurde bereits vorbereitet. Mit der Familie verstecken sich vier weitere Juden. Ehemalige Mitarbeiter versorgen die Untergetauchten.

- 1. August 1944 - Letzter Eintrag im Tagebuch von Anne Frank

- 4. August 1944 - SS-Oberscharführer Karl Silberbauer und niederländische Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts stürmen das Versteck und verhaften die acht Untergetauchten.

- September 1944 - Anne wird mit ihrer Familie und den anderen Untergetauchten auf dem letzten Transport aus dem sogenannten Durchgangslager Westerbork in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.

- Oktober oder November 1944 - Anne und Margot werden von ihrer Mutter getrennt und in das Konzentrationslager Bergen-Belsen in Niedersachsen gebracht.

- Februar oder März 1945 - Anne Frank stirbt, wenige Tage nach Margot, an den Folgen von Krankheit und Erschöpfung. Vermutlich waren beide an Typhus erkrankt.

- August 1945 - Otto Frank erhält von einer seiner Helferinnen Anne Franks Tagebuch. Nach einigem Zögern entscheidet er sich, einen Verlag für eine überarbeitete Version des Tagebuches zu suchen. Eintragungen, die ihm zu privat erscheinen, sollen nicht veröffentlicht werden.

- 1947 - erste Veröffentlichung des Tagebuchs in den Niederlanden unter dem Titel "Het Achterhuis" (Das Hinterhaus). Seitdem wurde das Tagebuch in mehr als 70 Sprachen übersetzt, in Deutschland gehört es zur Schullektüre. Seit 2009 gehört das Tagebuch zum Weltdokumentenerbe der Weltkulturorganisation Unesco.

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Anne Frank Ausstellung.
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