Susanne Scharnowski (Bild: privat)
privat
Bild: privat

- Susanne Scharnowski: Was ist Heimat?

Seit einigen Jahren hat in öffentlichen Debatten ein Begriff Konjunktur, der lange als verstaubt galt: Die Rede ist von "Heimat". Was steckt dahinter? Susanne Scharnowski ist Literaturwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin. Sie hat sich in ihrem neuen Buch mit unserem wechselvollen Umgang mit Heimat beschäftigt und erklärt im Gespräch mit Kulturredakteur Harald Asel ihren Ansatz.

Heimat hat immer dann Hochkonjunktur, wenn es Umbrüche gibt. "Das kann man bis ins 19. Jahrhundert nachverfolgen", eklärt Scharnowski, die hofft, mit ihrem Buch "Heimat. Geschichte eines Missverständnisses" zur Versachlichung dieses umstrittenen Themas beitragen zu können. "Sobald sich Veränderungen ankündigen, gibt es die Hinwendung zum Vertrauten, was dann oft mit dem Begriff Heimat zusammengefasst wird", meint die Autorin.

Das eigentliche Missverständnis des Heimat-Begriffs liege in seiner starken Verengung. Oft werde kritisiert, Heimat sei ein zutiefst deutsches Konzept. Es sei mit Nationalstaat und Nationalismus verbunden und tauge durch den Missbrauch durch die Nationalsozialisten für die Gegenwart gar nicht mehr. "Aber auch auf der anderen Seite gibt es die unvemittelte Gleichsetzung von Heimat und Nation, die dann wiederum die Angriffe von Links beflügelt. Das sind alles politische Überspitzungen, die nicht förderlich sind", betont Scharnowski.

Heimatbegriff von rechts und links

In ihrem Buch wirft sie einen langen Blick zurück auf die letzten 200 Jahre, dabei ist sie immer wieder auf politische Verengungen des Heimatbegriffs gestoßen: "Zu Zeiten des Kolonialismus und des Ersten Weltkriegs wurde das Heimatrecht zur rassischen Eigenschaft der Germanen und Arier erklärt, hier gab es ein gezieltes Umdeuten des Heimatbegriffs." In den 1970er Jahren habe es dann eine Heimatbewegung von Links gegeben, "das war etwas von unten, eine Basisbewegung gegen Atomkraft, Stadtsanierung, Startbahn West."

Scharnowski sieht sich eher Kosmopolitin

Sie selbst verwendet den Begriff "Heimat" übrigens im persönlichen Gebrauch "nie", wie sie im Gespräch mit Harald Asel einräumt. Dazu beigetragen hätten ihre Perspektiven, die sie während ihrer langen Auslandsaufenthalte in Großbritannien, Taiwan und Australien gewonnen habe. Eigentlich fühle sie sich genauso "heimatlos und modern" wie die Protagonistinnen des 1951 entstandenen Heimatfilms "Grün ist die Heide", ein Streifen, bei dem man eher an Heimatkitsch als an Fortschrittlichkeit denkt.

Doch weit gefehlt, betont Scharnowski: "Die Uraufführung des Films fand 1951 in Hannover statt, was damals als die moderne Stadt schlechthin galt. Alle im Film sind heimatlos, es geht um Vertriebene, um eine junge Frau, die auf dem Sprung ist nach Amerika. Im Film geht es um den Versuch, aus den versprengten Biografien eine Zukunftsperspektive zu entwickeln. Wir sehen zwar Trachten, das ist aber isoliert. Die jungen Frauen im Film sind völlig modern, berufstätig, selbständig - und hängen gar keinem Heimatkitsch an."