Christine Behle, Bundesvorstand der Dienstleistungsgewerkschaft ver:di. (Bild: Kay Herschelmann)
Kay Herschelmann
Bild: Kay Herschelmann

- Christine Behle: Der harte Arbeitskampf um Ryanair

Ryanair ist einerseits eine große Erfolgsgeschichte, andererseits stand der irische Billigflieger auch häufig als zweifelhafter Arbeitgeber in der Kritik. Gewerkschaften haben lange moniert, dass sie als Tarifpartner nicht willkommen sind, doch das hat sich geändert. Christine Behle war als ver.di-Vertreterin an den Änderungsprozessen mit beteiligt und hat mit Wirtschaftsreporter Eric Graydon über ihre Strategie gesprochen.  

Ryanair hat lange Zeit enorme Gewinne eingefahren. Dennoch waren die Beschäftigten der Airline auf Basen in ganz Europa stationiert, hatten allesamt keinen Tarifvertrag und wurden ungeachtet ihres Wohn- oder Arbeitsortes nach irischem Arbeitsrecht behandelt.

Auf normalem Wege war nicht an die Airline heranzukommen, so Behle. Zunächst wurde deshalb ein Jahr lang europaweit recherchiert. Wer sind die Beschäftigten und wie kommt man an sie heran? Wer ist Anteilseigner von Ryanair? Erst danach wäre man mit einer mit allen europäischen Verkehrsgewerkschaften abgestimmten Strategie auf Ryanair zugegangen.

Ungewöhnlicher Weg - mit Erfolg
Das Vorgehen sei nicht der übliche Weg gewesen, so die Gewerkschafterin. Denn bei Ryanair wusste man im Vorfeld, dass sie nichts mit Gewerkschaften zu tun haben wollten. Zunächst ging es darum, die Anteilseigner von Ryanair auf die Seite der Gewerkschaften zu ziehen. Unter den Anteilseignern der irischen Fluglinie sind viele amerikanische Pensionsfonds, in deren Verwaltungsräten auch Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sitzen. Über diese konnte dann Druck auf die Anteilseigner aufgebaut werden – beispielsweise mit Beschreibungen, wie Ryanair mit seinen Mitarbeitern umgehe. Der Ansatz war erfolgreich, denn Ryanair ist im Laufe der Verhandlungen auch ein Stück weit umgeschwenkt.

Für Deutschland mag die Strategie ungewöhnlich klingen, für amerikanische Verhältnisse ist sie es nicht. "In amerikanischen Tarifauseinandersetzungen passiert das durchaus häufig", so Behle. Die Pensionsfonds hätten verstanden, dass Ryanairs Verhalten gegenüber seinen Beschäftigten einen Reputationsschaden für sie selbst darstelle. Es sei unangenehm, sich in einem derartigen Unternehmen zu engagieren - auch wenn es nur finanziell sei, so Behle.

Geholfen habe zudem, dass sich die europäischen Gewerkschaften untereinander kennen und verlässlich abgesprochen hätten. Alle hätten eine Erosion des Luftverkehrsmarktes beobachtet, durch die die Löhne der Beschäftigten massiv gesunken seien. Alleine würde es keine von ihnen schaffen, doch mit gebündelten Kräften hätten sie eine Chance. "Ryanair ist sozusagen eine Erkenntnis aus Auseinandersetzungen in anderen Branchen", sagte Behle. Beispiel Schifffahrt - dort fahren auf deutschen Schiffen hauptsächlich philippinische und russische Seeleute, für die es heute schon weltweite Tarifverträge gibt.  Auch das globale Netzwerk der Gewerkschaften gebe Mut, sich in neue Bereiche hervorzuwagen, sagte Behle.