Die Autorin und Forscherin Lisa Herzog. (Bild: Paula Winkler/ Hanser Berlin)
Paula Winkler/ Hanser Berlin
Bild: Paula Winkler/ Hanser Berlin

- Lisa Herzog: Debatte um die Zukunft der Arbeit beginnt jetzt

Digitale Technologie und Automatisierung verändern unsere Arbeitswelt: Einfache Tätigkeiten können von Robotern erledigt werden, in anderen Bereichen wird tiefes Spezialwissen verlangt. Die Münchner Professorin Lisa Herzog warnt davor, die Digitalisierung als Selbstläufer zu betrachten. Sie hat Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaft, Philosophie und Neuere Geschichte studiert. Wirtschaftsredakteur Gerd Dehnel spricht mit ihr über ihr Buch "Die Rettung der Arbeit".

Uns stehe eine verschärfte Evolution der Arbeit bevor, sagte Herzog. So werde die Informationsübermittlung zwischen einzelnen Arbeitsschritten verbessert - viele Jobs im Bereich der Überwachung und Kontrolle werden sich dadurch ändern oder ganz wegfallen. Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird es in der Mittelschicht etwa jeden sechsten Beruf treffen, bei den geringqualifizierten Jobs sind es etliche mehr.

Doch die Risiken einer Arbeitswelt mit Robotern und Algorithmen als Arbeitskollegen erreiche uns nicht im "luftleeren Raum", so Herzog. Bereits jetzt gäbe es relativ hohe soziale Ungleichheit an unterschiedlichen Arbeitsplätzen. Hier variieren nicht nur die materiellen Vorteile, sondern auch das persönliche Interesse an der Arbeit, die Qualität der Tätigkeiten oder die sozialen Beziehungen.

Herzog betont, dass es jetzt darum gehe, die Weichen für die Arbeitswelt der Zukunft zu stellen - und nicht erst, wenn die Konflikte und Probleme allzu groß sind. Es solle nicht auf eine "Zweiteilung reinlaufen, wo für manche Leute Arbeit sehr gut, sehr interessant und hoch entlohnt ist und für andere Leute aber Arbeit immer monotoner wird", so die Professorin. Ebenso werde es in Zukunft weniger Normalarbeitsverhältnisse geben und weniger geradlinige Berufsbiografien. Hier wären Flexibilisierungen gefragt - beispielsweise ein Lebensarbeitszeitkonto. Aber auch ein Ausgleich durch eine Robotersteuer, die die Einkommenssteuer langsam ablöse, sei denkbar.

Debatte über die Verteilung von Risiken
Kern einer politischen Debatte müsse sein, wie Risiken in der Arbeitswelt zukünftig verteilt werden sollen. Bereits heute lasse sich unter anderem in Großbritannien ein Trend zu "zero hour contracts" beobachten - deregulierte Arbeitsverträge, die Arbeitnehmer zu Tagelöhnern machen. "Das ist eine massive Verschiebung von Risiken an die Belegschaft", so Herzog. Auch die großen Tech-Konzerne wie Google, Facebook oder Amazon hätten aus ihrer Sicht keine Lösungen parat, da sie nur eine bestimmte Perspektive verträten. Die Bedingungen und Sichtweisen auf die veränderte Arbeitswelt müssten vom einfachen Arbeiter bis hin zu religiösen Vertretern diskutiert werden. Denn: Es dürfe nicht das Gefühl vorherrschen, dass die Digitalisierung einer Naturgewalt ähnlich über die Menschen hinwegrolle. Vielmehr fordere diese zur Gestaltung auf. Dies hieße aber auch, dass für bestimmte Wertentscheidungen auch ein bestimmter Preis eingefordert wird, so die Professorin der Technischen Universität München.

Herzog sieht hier klar die Politik gefordert. "Da wo man den Eindruck hat, Dinge lösen sich spontan, da lösen sie sich in der Regel, weil sehr viele Leute an sehr vielen Stellen daran mitarbeiten, dass sie gut gelöst werden." An eine unsichtbare Hand, eine Selbstregulierung, glaube sie nicht. Ebenso wird die Technik uns nicht die politischen Auseinandersetzungen und Interessenskonflikte abnehmen. Bereits jetzt gäbe es wirksame politische Regulierungen, die an die neuen Verhältnisse angepasst werden müssen. Herzogs Sorge sei nicht zu wenig Expertise auf politischer Seite, sondern zu viele Interessensvertreter, die mitreden wollen - besonders aus dem Wirtschaftsbereich. Diese verträten ihre legitimen, aber doch nur eigenen Interessen.