Symbolbild Sterbehilfe: 83 Jahre alter Mann in seiner Wohnung
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- Sterbehilfe: "Recht auf Leben heißt nicht Pflicht zum Leben"

Rund ein Drittel aller Ärzte in Deutschland wäre laut Umfragen bereit, Menschen, die nicht mehr leben möchten, beim Suizid zu helfen. Faktisch tut es jedoch keiner, weil die Gesetzesgrundlage zu unsicher ist. Der Medizin-Ethiker Prof. Urban Wiesing sieht den Staat da in einer widersprüchlichen Rolle: In seinen Augen sollte es ihn nichts angehen, wie Menschen leben - und sterben - wollen.

In dieser Woche verhandelt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe über die Sterbehilfe. Vor vier Jahren hatte der Bundestag nach viel Diskussion den Paragraph 217 des Strafgesetzbuches neu geregelt:  Zu Lasten von Vereinen, denen es verboten wurde, Sterbewilligen entsprechende Medikamente zu vermitteln. Denn wer geschäftsmäßig beim Sterben hilft, kann mit bis drei Jahren Gefängnis bestraft werden.

Dagegen zogen Ärzte, professionelle Helfer, aber auch Patienten vor das höchste deutsche Gericht. Auch der Tübinger Medizin-Ethiker Prof. Urban Wiesing sieht viele Unstimmigkeiten. Über die Praxis der Sterbehilfe und ihre ethischen Grundlagen sprach Inforadio-Redakteur Christian Wildt mit ihm.  

Hintergrund: Sterbehilfe - Gesetzliche Regeln in Europa

Belgiens Parlament verabschiedete 2002 eines der liberalsten Sterbehilfe-Gesetze in Europa. Es erlaubt erwachsenen unheilbar kranken Patienten die Tötung auf Verlangen, wenn Ärzte unerträgliche Leiden bescheinigen. Seit 2014 gilt das Gesetz auch für Minderjährige.

Dänemark hat die passive Sterbehilfe 1992 gesetzlich geregelt. Jeder kann lebensverlängernde Maßnahmen - wie künstliche Beatmung - mit einer schriftlichen Erklärung ausschließen. Patienten können auch dann schmerzstillende Mittel bekommen, wenn diese den Tod beschleunigen.

Deutschland hat die aktive Sterbehilfe verboten. Wer jemanden auf dessen Wunsch tötet, wird mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Passive Sterbehilfe hingegen ist erlaubt. Laut Bundesgerichtshof dürfen Ärzte die Maßnahmen auch dann abbrechen, wenn der Patient noch nicht kurz vor dem Tod steht.

Frankreich hat die passive Sterbehilfe erlaubt, aktive Sterbehilfe aber verboten. Auf Wunsch des Patienten kann eine medizinische Behandlung abgebrochen werden, auch wenn das den Tod beschleunigt.

Luxemburg erlaubte die aktive Sterbehilfe 2009 als drittes Land in Europa. Ein Arzt darf Schwerstkranken auf deren Wunsch helfen, ihr Leben zu beenden. Allerdings müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander feststellen, dass eine Heilung ausgeschlossen ist. Zudem muss der Patient seinen Todeswunsch mehrfach niederschreiben.

Die Niederlande verabschiedeten ihr Sterbehilfegesetz im April 2001 als erstes Land der Welt. Danach ist ein Arzt nicht strafbar, wenn er den Sterbewunsch eines Patienten ab 16 Jahren erfüllt, sofern dieser unerträglich leidet und aussichtslos krank ist. Die Forderung einer Bürgerinitiative, Menschen ab 70 Jahren generell das Recht auf Sterbehilfe einzuräumen, scheiterte 2012 im Parlament.

In Österreich ist die passive Sterbehilfe gesetzlich erlaubt. 2006 verabschiedete der Nationalrat ein Patientenverfügungsgesetz. Beihilfe zum Suizid ist aber wie in Deutschland strafbar.

In der Schweiz ist die "Tötung auf Verlangen" ebenfalls verboten. Die Gesetze erlauben es aber, unheilbar Kranken Gift anzubieten, das diese dann selbst einnehmen. Die Schweizer Organisationen Exit und Dignitas bieten Sterbenskranken an, ihnen auf Wunsch beim Suizid zu helfen. Passive Sterbehilfe ist nicht ausdrücklich geregelt, gilt aber als erlaubt.

(Quelle: dpa)