Archiv: Yi Sun (Ernst & young, Leiterin China Competence Center Deutschland, Schweiz, Österreich) im November 2018. (Bild: imago/ Annegret Hilse/ Sven Simon)
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- Zwischen Europa und Asien: Die Unternehmensberaterin Yi Sun

Das Verhältnis zwischen der EU und China ist angespannt - die Kommission bezeichnete China kürzlich als "Konkurrenten" und "Rivalen". Deutschland ist das bevorzugte Land für chinesische Investoren. Die Unternehmensberaterin Yi Sun leitet bei Ernst & Young in Düsseldorf die China-Abteilung und begleitet viele Investitionsprozesse. Inforadio-Redakteurin Ruth Kirchner hat mir ihr gesprochen.

Für chinesische Investoren seien deutsche Maschinenbauer und die deutsche Industrie weiterhin sehr interessant, sagte Sun. Aber auch die Bereiche Gesundheit und Medizin werden gerne eingekauft - so hinterlasse man einen gewissen Fußabdruck auf dem europäischen Markt.

Allerdings seien Know-how und Technologie in vielen Sektoren nicht mehr derart vertreten, wie noch vor drei bis fünf Jahren. So könnten chinesische Unternehmen im Bereich Windenergie mittlerweile durchaus Schritt halten. Im Bereich E-Commerce oder künstliche Intelligenz seien die Chinesen aber auch bereits ein paar Schritte voraus. In anderen Bereichen - wie der E-Mobilität - gäbe es in China zwar einen Boom, aber in Deutschland nicht die entsprechenden Zulieferer. Hier verhandle China lieber mit Kanada, Japan oder Korea.

Deutsche Familienunternehmen in der Sackgasse
Deutsche Familienunternehmen suchten mit Suns Hilfe zwar nach einem chinesischen Investor - aber das Geld stehe dabei nicht an erster Stelle. Vielmehr sei der deutsche und europäische Markt für jene Unternehmen gesättigt, der Verkauf gehe auch mit dem Wunsch einher, für das eigene Unternehmen eine Perspektive zu schaffen. Reibungen und Konflikte seien nicht nur interkultureller Natur; auch bei Übernahmen innerhalb Deutschlands könne es zu Schwierigkeiten kommen.
Konkret käme es zu Problemen, da die Entscheidungsträger oft nicht die jeweilige Sprache des anderen sprächen und dadurch auf Vertreter auf unteren Managementebenen zurückgriffen, die dann Englisch sprechen. Für chinesische Unternehmen sei es zudem besonders, zu erleben, wie viel Wert man in Deutschland auf eine Work-Life-Balance lege; beispielsweise freie Zeit für sich und die eigene Entwicklung, Weiterbildung, aber auch feste Urlaubszeiten und manchmal keine Erreichbarkeit nach sechs Uhr. "Wirklich wichtig ist, dass beide Parteien Respekt voreinander haben", sagt Sun.

Ebenso sei es wichtig, gleich zu Beginn über einen definierten, strukturierten Verhandlungsprozess nachzudenken. Chinesische Geschäftsleute hätten hierbei ein anderes Zeitempfinden. Sie rate immer beiden Parteien zu einer sehr offenen Kommunikation über Struktur und Zeitplan der Verhandlungen.
Dass Deutschland seine Kernindustrie schützen wolle, kann sie verstehen. Doch Arbeitsplätze würden nicht einfach mit einem Verkauf abwandern, zumal dies heutzutage gar nicht mehr so leicht wäre. Auch bestimmte Propdukte könnten nicht von einem Markt in den anderen adaptiert werden. Das Mißtrauen gegenüber asiatischen oder generell nicht-europäischen Investoren schrecke diese ab, so Sun. Schließlich habe das Wirtschaftsministerium noch fünf Jahre nach Vertragsabschluss ein Vetorecht. "In der heutigen globalen Wirtschaft kann man nicht ohne China oder Deutschland oder ohne EU zusammenleben", sagte die Düsseldorferin.