Ex-Handballprofi und jetziger TV-Experte Stefan Kretzschmar, Porträt
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Bild: imago/foto2press/Oliver Zimmermann

- Kretzschmar: "Den Handball-Punk habe ich beerdigt"

Laut, schrill, polarisierend - so ist Handballer Stefan Kretzschmar mal beschrieben worden. Als Spieler gehörte der Linksaußen mehr als 10 Jahre zur Weltklasse. Mittlerweile ist "Kretsche" 45. Längst spielt er nicht mehr und hat vor kurzem schon die zweite Auto-Biographie veröffentlicht. Mitte nächster Woche beginnt nun für die deutsche Mannschaft die Heim-WM. Inforadio-Reporter Jens-Christian Gußmann sprach mit Stefan Kretzschmar nicht nur über den Heimvorteil der Deutschen, sondern vor allem über sein Leben auf und neben der Handball-Arena.

"Jobmäßig" bezeichnet sich Kretzschmer inzwischen als "Handball-Experte bei Sky" und nebenbei Co-Autor. Seine Aktiven-Zeit ist schon eine Weile vorbei. Trotzdem würde wohl den meisten Menschen auf die Frage "Nennen Sie mir einen bekannten Handballer" der Name Kretzschmar fallen würde - vielleicht auch deshalb, weil Vater Peter und Mutter Waltraud zu DDR-Zeiten diesen Sport ebenfalls sehr erfolgreich ausübten.

Mit Blick auf die anstehende Heim-WM stellt er fest: Als Minimum sei das Halbfinale möglich. "Wir haben eine machbare Vorgruppe, in der nur Frankreich ein ernst zu nehmender und schwerer Konkurrent ist." In der Hauptrunde erwarte die Nationalelf allerdings ein "brutales Programm, wo wir kein Spiel verlieren dürfen". Entscheidend sei, den "Spirit" aus der Vorrunde in Berlin mit nach Köln zu nehmen.

"Prokop hat dazugelernt"

Den Bundestrainer Christian Prokop sieht er "in einem Lernprozess": Seine erste große Erfahrung habe er als relativ junger Trainer gehabt. Im taktisch-handballerischen Bereich sei Prokop eine absolute Koryphäe. In punkto Menschenführung - seinem bisherigen Manko - habe Prokop im vergangenen Jahr viel dazugelernt. "Im Handball liegen Erfolg und Misserfolg nah beieinander", sagt Kretzschmar. "Dagur Sigurdsson, der mittlerweile der König des Handballs ist nach dem EM-Titel 2016, hätte auch in der Vorrunde mit der Mannschaft ausscheiben können. Das hing am seidenen Faden im Spiel gegen Dänemark. - So ist der Sport, so sind die Turnierregeln, da kommt es immer auf Kleinigkeiten an."

"Irgendwann wurden die Piercings albern"

Der frühere "Handball-Punk" sei irgendwann begraben worden, stellt Kretzschmer in der Rückschau fest. "Irgendwann kam dann eine Zeit, in der das ein bisschen albern wurde und in der man in ein Alter kommt, wo die Piercing-Ringe weniger bzw. ganz entfernt werden. (....) Ich glaube, dass man irgendwann dann auch mal die rebellische Phase hinter sich lässt und Verantwortung übernehmen muss. Das ist mir in den letzten paar Jahren denn auch ganz gut gelungen."

Die Begeisterung für den Sport übernahm er von Eltern, beide zu DDR-Zeiten höchst erfolgreich als Trainer und Spieler(in). "Da war es nur eine Frage der Zeit, bis mein Papa mich anmeldete in einer Schulsportgemeinschaft, allerdings völlig ohne Druck. Aber ich fand das vom ersten Moment an Klasse."

In der Kinder- und Jugendsportschule der DDR (KJS) sollte er zunächst nicht aufgenommen werden - erst nach Intervention seines Vaters schaffte er die Hürde. "Ich war zu klein und nicht kräftig genug. Technisch war ich begabt, aber körperlich halt 'ne Pfeife." Mit der Folge, dass er an seinen technischen Tricks feilte. Irgendwann hatte er den körperlichen Nachteil aufgeholt und war den Mitschülern spielerisch weit überlegen.  

Auch die Kinder spielen Handball

Kretzschmar hat zwei Kinder - "beide spielen Handball, Lucy beim HC Leipzig, wo ihre Oma gespielt hat, und Elvis in Magdeburg. Beide sind am Sportgymnasium; der Kleine ist gerade nominiert worden und hat den Eignungstest geschafft. Das Entscheidende ist, dass beide sehr viel Lust und Spaß daran haben. (...) Für den Kleinen gibt es nur den SC Magdeburg, der wird seiner Meinung nach nie den Verein wechseln. Der ist 100% Grün-Rot und loyal."

Seine 18-jährige Tochter stehe gerade vor der Entscheidung, was sie nach dem Abitur macht. "Sie wird vielleicht in der 1. oder 2. Liga nächstes Jahr ein Angebot annehmen."

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