Christine Wagner, Gianni Bettucci und die gemeinsame Tochter Milla im Jahr 2016 (Bild: dpa)
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- Gemeinsam Eltern sein, aber kein Paar

"Das, was wir sind - dafür gibt es eigentlich kein richtiges Wort", sagt Christine Wagner. "Wir sagen, wir sind Co-Eltern." Die Berlinerin hat ein gemeinsames Kind mit Gianni Bettucci. Sie ist lesbisch, er ist schwul. Sylvia Tiegs hat die ungewöhnliche Familie in ihrem gemeinsamen Zuhause besucht.

Ihr Familienmodell sei "nicht vergleichbar mit den Kategorien, die wir kennen", sagt Wagner. "Wir sind nicht befreundet, wir sind nicht verwandt. Das ist was Neues." Kennengelernt haben sie sich auf einer Online-Plattform, die Wagner gegründet hat, erzählt Bettucci. Die beiden trafen sich regelmäßig und sprachen ganz offen darüber, wie es wäre, gemeinsam ein Kind zu bekommen.

"Wir haben uns über unsere Visionen und Vorstellungen von einer Elternschaft unterhalten", sagt Bettucci. "Und nach einem Jahr haben wir entschieden: Es gibt ein gutes Bauchgefühl und wir könnten das machen". Er selbst sieht ihr Familienmodell als "Pionierarbeit" - beide hätten vorher niemanden gekannt, der etwas Ähnliches gemacht hat.  

"Bei uns hat das Bauchgefühl gestimmt" - Christine Wagner und Gianni Bertucci in ihrer Küche (Bild: rbb/Sylvia Tiegs)
"Bei uns hat das Bauchgefühl gestimmt" - Christine Wagner und Gianni Bertucci in ihrer Küche Bild: rbb

"Manchmal fühlt sich das ein bisschen teilzeit-alleinerziehend an"

Einerseits gab es vielleicht gerade deswegen einige Hürden zu überwinden, wie etwa die Skepsis der eigenen Familie oder die Frage, wie das Kind konkret entstehen soll. Ihre Tochter Milla haben Wagner und Bettucci letztlich über künstliche Befruchtung bekommen. 

Im Vergleich zu einer konventionellen Familie hat ihr Modell andererseits auch Vorteile. "Es gibt, glaube ich, mehr Freiräume für jeden von uns", sagt Wagner. "Dadurch, dass wir uns die Zeit relativ paritätisch teilen." So habe sie mehr Auszeiten für sich ganz allein, aber auch mehr Zeiten, die jeder von ihnen mit dem Kind alleine verbringe. "Also manchmal fühlt sich das auch so ein bisschen teilzeit-alleinerziehend an", so Wagner. Das sei anders als in anderen Familien.  

"Ich will zeigen: Familie kann auch anders sein"

Dass ihr Lebensmodell neu und beispielhaft ist, ist beiden sehr bewusst. "Ich zeige meine Familie und spreche über meine Familie, um zu zeigen, dass Familie auch anders sein kann als das Bild, mit dem die meisten von uns aufgewachsen sind", erklärt Wagner.

"Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass wenn wir das Wort 'Familie' hören nicht an das Bild denken, was ich gerade genannt habe, sondern dass wir denken: Oha, da gibt es Menschen, die haben irgendeine Verbindung miteinander, vielleicht Kinder. Und wie die Konstellationen sind, das kann sehr verschieden sein."

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