Ein Kind und eine erwachsene Person lassen einen Drachen steigen auf dem Drachenberg in Berlin (Bild: imago/photothek)
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- "Kein Elternteil ist vor dem Status 'alleinerziehend' gefeit"

Sie sind nicht die Regel, aber sie sind viele: Alleinerziehende. In Berlin wächst mehr als ein Viertel aller Kinder bei nur einem Elternteil auf, in Brandenburg sind es fast genauso viele. Oft werden Alleinerziehende in eine Schublade gesteckt. Inforadio-Redakteurin Sylvia Tiegs hat zwei Mütter aus Berlin getroffen, denen das ganz schön auf die Nerven geht. 

Akiko Böttcher hat einen achtjährigen Sohn, Gesa Gebhardts Sohn ist ein gutes Jahr alt. Beiden waren von Anfang an alleinerziehend - aus unterschiedlichen Gründen. Und beide haben sich schnell damit arrangiert. Gebhardt sagt, sie sei unglaublich dankbar für die Situation, wie sie jetzt ist. 

Sie und Böttcher werden im Alltag aber auch mit Vorurteilen konfrontiert. Immer wieder würden Leute, die sie gar nicht richtig kennen, ihnen sofort einen Stempel aufdrücken, sobald sie hören, dass sie alleinerziehend sind. "Ich hab's jetzt bei der Wohnungssuche und der Kitaplatzsuche gemerkt", erzählt Gebhardt. So lehnte eine Kita ihren Sohn ab, weil sie als alleinerziehende Mutter ja gar keine Zeit habe, sich in der Elterninitiative zu engagieren. "Das war wie angeschossen werden", sagt die junge Frau. 

Im Nachhinein sah sie die Sache dann aber doch anders: "Mir wurde klar: Ich möchte gar nicht, dass mein wundervoller Sohn in so eine engstirnige Elterninitiative reingepresst wird, wo man nur das Mutter-Vater-Kind-Konzept lehrt. Ich finde, es ist wirklich an der Zeit, dass unsere Gesellschaft offen wird für Diversität in den Familienmodellen." 

"Ich möchte erst mal gefragt werden, ob ich etwas schaffe oder nicht"

Böttcher wünscht sich ebenfalls mehr gesellschaftliche Anerkennung für Alleinerziehende und engagiert sich im Landesverband alleinerziehender Mütter und Väter. "Es hat definitiv ein Wandel stattgefunden", sagt sie. "Früher war man als alleinstehende, ledige Mutter ja überhaupt nicht für ein Kind zuständig. Das wurde dem Amt übergeben und man konnte froh sein, wenn das Kind bei einem aufwuchs." Diese Zeiten seien glücklicherweise vorbei, so Böttcher.  

Gesa Gebhardt und Akiko Böttcher sind beide alleinerziehend (Bild: rbb/Sylvia Tiegs)
Gesa Gebhardt und Akiko Böttcher sind beide alleinerziehend | Bild: rbb

Vorurteile gibt es ihrer Erfahrung nach aber immer noch jede Menge - etwa bei Bewerbungen auf einen Arbeitsplatz. "Ich möchte erst mal gefragt werden, ob ich etwas schaffe oder nicht", wünscht sie sich. "Das ist unsäglich. Kein Mensch möchte in so eine Schublade gesteckt werden." Gebhardt betont, ihr sei auch eine faire Besteuerung wichtig. "Das Ehegattensplitting muss ein Ende haben", fordert sie von der Politik. 

"Niemand ist vor diesem Status 'alleinerziehend' gefeit", sagt Gebhardt. Das könne jedem Elternteil jederzeit passieren - oft auch viel schneller als gedacht. "Und dafür, dass es so ein dünnes Spiel mit dem Schicksal ist, denke ich, dass es umso wichtiger ist, dass wir diese Familienform akzeptieren und auch so weit salonfähig machen, dass da keine Nachteile entstehen."

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