Russische Soldaten einer S-400 Triumf missile system crew laufen an LKW vorbei
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- Ukraine-Experte: "Der Krieg hat nie aufgehört"

Wie aus heiterem Himmel kommt die neue Eskalation im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Eine zeitlang schien dieser Konflikt eingefroren zu sein jetzt wächst die Sorge vor einem Krieg. Der Osteuropa-Wissenschaftler Prof. Karl Schlögel war Dozent an der Viadrina in Frankfurt (Oder). Für ihn kommt die Entwicklung nicht überraschend, wie er im Gespräch mit Inforadio-Redakteur Alexander Schmidt-Hirschfelder sagte.

Überrascht habe ihn allenfalls der Zeitpunkt - "im Nachhinein könne man aber überlegen, ob es ein Timing gegeben hat". In Kiew gab es Feiern zum 5. Jahrestag des Euromaidan, und es gab Feierlichkeiten zur Erinnerung an den "Künstlichen Hunger" in den 1930er Jahren. "Möglicherweise hängt das Timing damit zusammen, ich glaube nicht, dass das Zufall gewesen ist".

Der Krieg in der Ukraine habe "nie aufgehört", so Schlögel. Er laufe seit dem Frühjahr 2014. Noch immer sterben täglich Menschen, und es gebe rund eine Million Binnenflüchtlinge.

Das Ziel: Verbindung zu ukrainischen Häfen kappen

Russlands Absicht bei der aus Schlögels Sicht "gezielten Aktion" sei, aus dem Asowschen Meer ein russisches Binnenmeer zu machen und die für die Ukraine sehr wichtigen Häfen von Mariupol und Berdjansk "sozusagen kaputt zu machen". Mariupol ist der zweitwichtigste Hafen nach Odessa und von großer Bedeutung für das riesenhafte metallurgische Kombinat - "eines der größten Kombinate in Europa überhaupt".

Rechtlich ist das Asowsche Meer ein internationales Gewässer. Nach einem Vertrag von 2003 dürfen Russland und die Ukraine das Binnenmeer in gleicher Weise nutzen. Mit der Kontrolle über die Meerenge von Kertsch kann Russland alle ukrainischen Schiffe kontrollieren und tage- oder wochenlang aufhalten. Dies könne dazu führen, dass die Schiffsverbindungen nach Mariupol gekappt werden - mit entsprechenden Folgen für das bereits erwähnte Kombinat.

"Putin ist in der Vorhand"

Der russischen Politik gehe es darum, die Ukraine vom Schwarzen Meer abzuschneiden. Das deutsche Dilemma: "Dass wir einerseits fast wortlos und hilflos protestieren, und auf der anderen Seite aber die Geschäfte mit Russland weitergehen" - etwa mit dem Bau der Pipeline Nord Stream Zwei.

Solange Putin die Garantie hat, dass er angreifen kann und gleichzeitig seine Geschäfte weitergehen, mit denen er den Krieg und seinen Wohlstand finanzieren kann, solange ist er in der Vorhand.

Große Ratlosigkeit im Umgang mit Putin

Die Folgen des Konflikts für Europa: "Es geht darum, ob Europa sich auseinanderdividieren lässt oder irgendwann einmal Farbe bekennt und die Ukraine nicht im Regen stehen lassen."

Im Umgang mit Putin herrsche eine große Ratlosigkeit, konstatiert Schlögel. Europa müsse sich in dieser Frage neu aufstellen und alles tun, um die angegriffene Ukraine demonstrativ unterstützen. Die größte Gefahr drohe dem russischen Präsidenten derzeit im eigenen Land: Die Menschen sind unzufrieden mit der Versorgungslage vor allem auf dem Land, die den militärischen Abenteuern Putins geopfert wird.

Zudem sei die russische Wirtschaft in einem sehr schlechten Zustand - und das nicht primär wegen der Sanktionen, sondern weil die Reformen stecken geblieben seien. "Es gibt keinen Aufbruch, und es wandern immer noch die tüchtigsten und fähigsten Leute aus dem Land ab. Russland hängt ausschließlich an dem Export von Öl und Gas. Also eigentlich eine halb-koloniale Situation. Und wie Putin da rauskommt, das weiß niemand."

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