Seniorin in Berlin sieht aus dem Fenster
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- "Die Alten sind keine homogene Gruppe"

Plötzlich raus, plötzlich nicht mehr gefragt - viele alte Menschen empfinden es als ungerecht, wenn man ihnen nicht mehr den Platz zugestehen will, den sie lange Zeit eingenommen haben. Werden "die Alten" wirklich ungerecht behandelt? Professor Clemens Tesch-Römer ist Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin  - er sagt: "Die Alten" gibt es gar nicht, man sollte endlich die Vielfalt des Alters wahrnehmen. Und er plädiert dafür, dass die verschiedenen Generationen voneinander lernen, sich gegenseitig befruchten sollten.

Wer ist eigentlich alt? Professor Clemens Tesch-Römer, Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin, gibt darauf folgende Antwort: In der Soziologie gebe es das Modell des Lebenslaufes mit den drei Abschnitten Kindheit und Jugend, Erwachsenenalter und Alter. Diese Einteilung habe mit der jeweiligen Produktivität zu tun - "und da ist schon eine unglaubliche Verurteilung des Alters drin", so der Altersforscher.

Alt sei man deshalb - rein faktisch gesehen - mit dem Eintritt in den Ruhestand, also zwischen 65 und 70. "Aber eigentlich kann das keiner genau sagen, denn älter werden ist ein gradueller, kontinuierlich fortschreitender Prozess".

Generationengerechtigkeit: Ein Kampfbegriff?

Er sei jetzt 61 Jahre alt, es gehe ihm gut - und seine Aussichten auf die Rente seien auch positiv, so Professor Tesch-Römer. In Bezug auf die Rente sehe das bei seinen Kindern allerdings schon anders aus. Ist das gerecht? Der Wissenschaftler erläutert, dass beim Thema Generationengerechtigkeit ein Aspekt oft übersehen werde: Zwischen den Älteren gibt es große Unterschiede beim Einkommen. Er frage sich: "Warum geben die, die mehr verdienen, nicht etwas mehr ab, damit die, die weniger verdienen, besser gestellt sind?"

Die Frage nach der Gerechtigkeit zwischen den Generationen sei ein klein wenig "ein Kampfbegriff, der die Gerechtigkeit innerhalb der Generationen, zwischen Angehörigen unterschiedlicher sozialer Schichten, verdeckt und unsichtbar macht."

Die Vielfalt des Alters wahrnehmen

Bei der Altersarmut gibt es laut Tesch-Römer zwei Auffassungen: "Wir haben per Definition keine Altersarmut, weil wir Grundsicherung haben." Und: "Der Schritt in die Grundsicherung ist für die Betroffenen bereits ein Schritt, zuzugeben, ich habe nicht genug Geld, ich bin arm, ich brauche Unterstützung." Letzteres betreffe insbesondere Menschen, die bereits zu Beginn ihres Lebens "nicht besonders bevorteilt wurden", so Tesch-Römer. "Wir haben im Grunde genommen eine Ungerechtigkeit, die sich über den gesamten Lebenslauf zieht."

"Verrückte Alte, die Tango tanzen"

Demografisch gesehen, so der Wissenschaftler, gebe es nach dem dritten Lebensabschnitt noch "ein viertes Lebensalter": Wer noch lebe, obwohl die Hälfte seines Geburtsjahrgangs verstorben ist, der befinde sich im "vierten Lebensalter". Dann würden Krankheiten und der Pflegebedarf zunehmen. Von 65 bis 80 seien aber viele Senioren noch aktiv, sie könnten ihr Leben noch aktiv gestalten und auch etwas für Jüngere tun. Wichtig sei, Einrichtungen zu fördern, in denen sich Alt und Jung treffen können, voneinander lernen und sich gegenseitig befruchten können. Die Gesellschaft müsse wahrnehmen, dass es eine Vielfalt des Alters gebe, dass "die Alten" keine homogene Gruppe seien.  Es gebe Menschen mit starkem Hilfebedarf, Menschen mit Demenz - aber auch die "verrückten Alten, die Tango tanzen oder Weitsprung machen."

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