Nationaler Soldatenfriedhof in Verdun (Bild: imago/imagebroker)
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- Gerd Krumeich: "Wir müssen andere Erinnerungen verstehen"

Wenn in der großen ARD-Saga "Babylon Berlin" Putsch-Generäle erbittert gegen Demokraten kämpfen, wird klar: Der erste Weltkrieg wirkte sich für die Weimarer Republik sehr zerstörerisch aus. Er hinterließ ein zerstrittenes Land. Anders in Frankreich, wo die Erinnerung an den 'Großen Krieg', wie ihn die Franzosen nennen, eine gemeinsame ist. Der deutsche Historiker Gerd Krumeich arbeitet seit vielen Jahren mit diesen unterschiedlichen Erinnerungs-Kulturen. Frankreich-Korrespondentin Sabine Wachs sprach mit ihm darüber.

Im deutsch-französischen Verhältnis gilt der 11. November als schwieriges Datum.  Frankreich feiert an diesem Tag den Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg 1918, der einer Kapitulation Deutschlands gleichkam. Zum 100. Jahrestag am Wochenende will Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine neue Phase des Gedenkens einläuten und die deutsch-französische Freundschaft feiern.

Als Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft räumt Macron der Kanzlerin am Wochenende eine ganz besondere Rolle bei den Feierlichkeiten ein: Am Samstag reist er mit ihr nach Compiègne nordöstlich von Paris, wo vor hundert Jahren der Waffenstillstand besiegelt wurde. Dort wollen beide eine gemeinsame Gedenkplakette einweihen.

"Macron lässt hoffen"

Der 11. November ist seit 1922 in Frankreich ein gesetzlicher Feiertag. Praktisch jede Kommune gedenkt der rund 1,4 Millionen getöteten französischen Soldaten mit Kranzniederlegungen und Ansprachen. In Frankreich gilt der Krieg auch heute noch als "la Grande Guerre", der große Krieg. In Deutschland spielt das Gedenken an die 1,9 Millionen getöteten deutschen Soldaten am 11. November kaum eine Rolle. Vielerorts wird der Martinstag begangen, die Karnevalshochburgen starten in die närrische Saison.

Krumeich beklagt im Inforadio-Gespräch: "In Deutschland versuchte man viele Jahre lang, die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg herunterzuspielen und möglichst nicht darauf zurück zu kommen. Das hat sich durch das Einwirken vom einstigen Außenminister Frank-Walter Steinmeier erheblich verbessert. Man ist auf dem Weg. Jetzt die Aktion von Macron kann hoffen lassen, dass etwas Weiteres in Bewegung kommt."

"Die eigene Erinnerung ist nicht die allgemeingültige"

"Die kollektiven und kulturellen Erinnerungen, das kollektive Gedächtnis der Nationen ist in dieser Hinsicht extrem verschieden", meint der Historiker. In Frankreich habe schon 1919 ein Gesetz geregelt, dass in jeder Gemeinde ein Erinnerunsgdenkmal stehen müsse. Immer am 11. November, dem Tag des Waffenstillstands von Compiègne, werde sich rund um die Denkmäler versammelt. "Politische Querelen bleiben dann stumm. In Deutschland gab es dagegen von Anfang an eine auseinandergerissene Erinnerung mit gegenseitigen Beschuldigungen, wer nun schuldig war am Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das war letztlich ungeheuer belastend für die Weimarer Republik", betont Krumeich.

Die Zusammenführung der deutschen und französischen Erinnerungskulturen sei schwierig, aber letztlich unverzichtbar. "Oft wird über Differenzen nicht mehr gesprochen und es werden freundliche Formeln gebraucht. Das kann auf Dauer nicht das Entscheidende sein. Man sollte immer wieder abfragen, wie ist denn die Erinnerung des anderen, um überhaupt zu verstehen, dass es kulturelle Unterschiede gibt. Wenn man daraus lernt, dass die eigene Erinnerung nicht die allgemeingültige ist, wenn man dazu kommt in den nächsten 20 Jahrem, dann hat man schon viel erreicht", so Krumeich.  

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