Spartakisten am 1.11.1918 in Berlin (Bild: imago/United Archives International)
imago/United Archives International
Bild: imago/United Archives International

- Die Berliner und die Revolution

Im November 1918 haben die Deutschen den Ersten Weltkrieg verloren. Sie sollen aber weiter kämpfen, für das Militär und den Kaiser. Doch das Volk macht: Revolution! Deutschland wird zur Republik, die Bürger bekommen mehr Rechte und Freiheiten als je zuvor. Was genau ist vor 100 Jahren passiert? Darüber spricht Sylvia Tiegs mit dem Historiker Bjoern Weigel und mit Ludger Derenthal vom Museum für Fotografie.

Ludger Derenthal (Bild: Annette Koroll)
Ludger Derenthal Bild: Annette Koroll

Es sind denkbar viele Bilder, auf die Ludger Derenthal für seine Arbeit zum Berliner Projekt "100 Jahre Revolution" zurückgreifen konnte: "Viele Fotografen waren auch als Kriegsreporter tätig", erklärt er das reichhaltige Konvolut. Entstanden sind damals Aufnahmen der großen Berliner Demonstrationen, der Trauerkundgebungen, "die Masse ließ sich gut einfangen, aber es wurden auch einzelne Redner fotografiert, von denen wir teilweise noch nicht einmal wissen, wer sie waren", erzählt Derenthal. Natürlich tauchen auch die prominenten Köpfe der Revolution - Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann, Gustav Noske - auf - und jede Menge Soldatenbilder von denen viele inszeniert wurden, weil den Fotografen die Straßenkämpfe zu gefährlich waren - "Actionfotografie war damals sehr selten", räumt der Historiker ein.

Bjoern Weigel (Bild: David von Becker)
Björn Weigel | Bild: David von Becker

Auslöser waren Ereignisse in Kiel und Wilhelmshaven

Der Haupt-Akteur der Revolution 1918 war die große Masse, betont Björn Weigel: "Soldaten, Matrosen, Arbeiterinnen und Arbeiter aus den großen Berliner Fabriken, sie alle erzwingen die Revolution und ziehen am 9. November 1918 vor den Reichstag. Scheidemann kommt dann heraus und ruft die Republik aus, eigentlich zu früh, denn der Kaiser dankt erst am 28. November ab." Die Not, der Hunger am Ende des Ersten Weltkrieges treibt die Berliner auf die Straßen, doch das Fass zum Überlaufen gebracht haben Ereignisse in Norddeutschland: "Der Befehl an die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven, gegen die Engländer zum letzten Gefecht auszulaufen, führte dort zu Aufständen und Festnahmen. Ab dem Zeitpunkt wird es eine Revolution", erklärt der Historiker Weigel.

Parallelen zur Gegenwart

Doch was treibt Derenthal und Weigel an, die Ereignisse der Revolution von 1918 jetzt so ausführlich darzustellen? "Es geht um ganz wichtige heute noch relevante Themen, um Rechte, die damals erstmals durchgesetzt werden konnten. Dazu zählen soziale Grundrechte, das Frauenwahlrecht wurde erstmals im Januar 1919 angewendet. Oder denken wir an den Umgang mit Populismus, mit Fake News. Wir können schon damals erleben, wie aus Hetzreden Gewalt wird", erinnert Weigel. Natürlich lasse sich jetzt das 100-Jahre-Jubibäum gut kommunizieren, "aber auch nach 90 Jahren wäre das alles nicht weniger wichtig gewesen", so Weigel.

Infos im WWW

Mehr zum Thema im Internet unter

kulturprojekte.berlin

Zur Sendungs-Übersicht

Interviewsituation. Symbolbild für die Sendereihe Vis à vis [colourbox]

Vis à vis

Hintergründe, Meinungen und Analysen im Dialog: Hier kommen Menschen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu Wort.

Auch auf inforadio.de

ARCHIV: Spartakus-Aufstand in Berlin, Charlottenstraße, 20.11.1918
imago/United Archives International

Schicksalsjahr 1918: Der Umsturz aus dem Untergrund

Die Revolution im 9. November 1918 beendete den 1. Weltkrieg und schaffte die Monarchie in Deutschland ab. Die Revolution aber geschah nicht von selbst. Sie war vorbereitet von einem geheimen Netzwerk in den Betrieben, den "revolutionären Obleuten". Sie arbeiteten seit Anfang des Jahres 1918 auf den Aufstand hin. Inforadio-Reporterin Carolin Haentjes erzählt anhand historischer Dokumente die Geschichte zweier Revolutionäre aus Berlin.