Rabbiner Walter Homolka. (Bild: dpa/Schutt)
dpa-Zentralbild/Schutt
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- Rabbiner Homolka: "Judentum braucht Experimentierfreude"

Zersplitterte Schaufenster, brennende Synagogen und zahlreiche Tote: Diese Woche jährt sich zum 80. Mal die Pogromnacht, die als Auftakt für den Holocaust ab 1938 gilt. Ein Gedenken ist weiterhin wichtig, auch in der jüdischen Gemeinde. Doch der Blick zurück und nach vorn braucht neue Bedingungen, sagt Rabbiner Walter Homolka. Ein Vis à vis über jüdische Kultur, Rituale und Religion im heutigen Deutschland.

Als Rabbiner Walter Homolka 1964 in Landau geboren wurde, fehlte es um ihn herum an Identität und Stolz auf die jüdische Kultur in Deutschland. Klar, waren Juden bis 1945 verfolgt und ermordet worden. Die, die übrig blieben, wollten alle weg. Pragmatismus und mangelnde Alternativen führten zu der Entscheidung, zu bleiben. Nicht der Wille, einen Neustart zu wagen. "Da war kein positives Gefühl, sondern man hatte Schuldgefühle, dass man den Absprung nicht geschafft hat", sagt er im Vis à vis. Er war Jude zweiter Generation nach dem Holocaust. Doch auch die hätten Deutschland noch neutral gegenübergestanden.

Erst mit Anfang der 1980er Jahre, in dritter Generation, sei die Frage in der jüdischen Gemeinde aufgekommen, was ein positiver Zugang zur Heimat, zur BRD sein könnte. Daraus hat sich die Identifikation gebildet, die heute mit zum Selbstverständnis der Juden beiträgt. Dieses neu erlangte positive Gefühl trage dazu bei, dass sich junge jüdische Menschen gegen Ausgrenzung stellen, sagt Homolka.

"Deutsche Bevölkerung wieder anfällig für Antisemitismus"

"Junge Menschen nehmen die Warnungen von 1938 sehr ernst, vielleicht auch wegen Spannungen in der Gesellschaft, die wir spüren, heute vielleicht mehr als vor zehn, 15 Jahren", sagt Homolka. Er spricht auf die neu erstarkte Rechte an: 20 Prozent der Wähler haben sich bei der letzten Wahl für die AfD entschieden. 20 Prozent der Bevölkerung, die wieder anfällig für Rechtsradikalismus und Antisemitismus seien, warnt Homolka. Junge Juden kämpfen dagegen, dass sie ausgegrenzt werden und fordern weiterhin eine pluralistische Gesellschaft.

Diese Woche findet auch der jüdische Zukunftskongress statt. Dabei ist dieser Umgang mit den politischen Tendenzen ein Thema. Aber auch der Blick ins Zurück und Vorn. Dieser müsste neu gewagt werden, sagt Homolka. In einer Zeit, in der Zeitzeugen des Holocaust nicht mehr erinnern können, braucht es neue Bedingungen für den Blick zurück. Bisher seien die deutschen Rituale des Gedenkens weltweit als sehr positiv empfunden worden, sagt Homolka.

Homolka glaubt ans Brückenbauen

Daneben stehe die jüdische Gemeinschaft vor einer schwierigen Frage: Auf der einen Seite muss sie aus der eigenen Erfahrung heraus als Sachwalter für eine offene Asylpolitik stehen, die Schutzbedürftigen Schutz zuspricht. Die jüdische Gemeinschaft habe sich auch kritisch gegen die Stimmen gewehrt, die Merkels Willkommenspolitik verurteilten.

Auf der anderen Seite kämen mit den Asylsuchenden viele muslimische Geflüchtete aus Staaten, in denen Antisemitismus zur Staatsräson gehört habe. Es sei schwer, damit umzugehen, sagt Homolka. Doch es gebe nur zwei Möglichkeiten: Entweder nichts tun und fürchten, oder auf die Menschen zugehen. Homolka habe sich für zweite Variante entschieden und ist mit syrischen Geflüchteten nach Auschwitz gereist. Eine Erfahrung, aus der er sehr gestärkt zurückgegangen sei. "Da gibt es Brücken, die wir bauen können", ist er sich sicher.

Blick öffnen für gesellschaftlichen Wandel

Brücken bauen sollte auch das zentrale Ziel unter den Juden selbst sein. Denn die internationale Entwicklung zeige, dass sich die jüdische Gemeinde öffnen müsse. Als Beispiel nennt Homolka die Art der Bindungen, die Menschen eingehen. Da sie sich heute nicht mehr so gern für ein Leben lang binden wollen, sollte auch die Gemeinde darauf eingehen. "Wir müssen noch offener und experimentierfreudiger werden", sagt er zum Schluss im Vis à vis.

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Vis à vis

Hintergründe, Meinungen und Analysen im Dialog: Hier kommen Menschen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu Wort.