Reinhard Gehlen in seinem Arbeitszimmer in Berg im Jahr 1977 (Bild: imago/Sven Simon)
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- Reinhard Gehlen - die dunkle Seite des BND

Der Bundesnachrichtendienst BND und sein Vorläufer, die Organisation Gehlen, spionierten nicht nur im Ausland, sondern auch im Inland. Der Historiker Klaus Dietmar Henke von der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND stellt dazu am Montag ein Buch vor. Das Ergebnis hat es in sich: Geheimdienstchef Reinhard Gehlen  spionierte für den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer politische Gegner aus. Wie, hat sich unser Geheimdienstexperte Michael Götschenberg erklären lassen.

Er gehört zu den nebulösesten und umstrittensten Personen der Nachkriegszeit, Reinhard Gehlen (1902 - 1979). Adolf Hitlers Feindaufklärer im Osten war bis 1968 Gründungspräsident des Bundesnachrichtendienstes, zuvor leitere er die nach ihm benannte "Organisation Gehlen". Dabei betrieb Gehlen gesetzeswidrig politische Inlandsspionage, obwohl der BND als Auslandsnachrichtendienst arbeiten sollte. "Das war auch für die Zeitgenossen überraschend, die schon sehr früh irgendwie gemerkt hatten, dass Gehlen mehr tut als in der DDR zu spionieren und Militäraufklärung zu machen. Das zeigte sich an allen Ecken und Enden. (...) Aber richtig aufgeklärt werden konnte das nie. Gehlen war sich absolut sicher, dass die Akten niemals geöffnet würden. Und das hat sich geändert", erzählt der Historiker Klaus Dietmar Henke, der jetzt einen ersten von insgesamt zwei Bänden zur Geschichte des BND präsentiert.

"Gehlen war kein Nazi, aber anti-liberal und konservativ"

1946 war die Organisation Gehlen entstanden, der Vorläufer des BND, der 1956 gegründet wurde, mit Gehlen an der Spitze. Seine Organisation war in den ersten zehn Jahren in amerikanischer Hand. Gehlen, der Feindaufklärer an der Ostfront, verstand es schon immer, "Legenden über seine eigene Genialität zu spinnen", erklärt Henke. "Er war in Kriegsgefangenschaft, und als sich das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und den USA immer stärker abkühlte, dachten sie, Hitlers Feindaufklärer im Osten könnte uns nützlich sein", so der Historiker.

Dabei war Gehlen ein Blender, ein "Vernunftamerikaner", wie ihn Henke umschreibt: "Gehlen hat Hitler bis 5 nach 12 gedient, er war aber wie viele andere auch klug genug zu erkennen, dass die USA die künftige Weltmacht würde und man sich an sie zu halten hatte. Gehlen hatte gar nichts im Sinn mit dem Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm der Amerikaner, dieses gefährliche Deutschland endlich zu normalisieren. Er wurde sozialisiert in der Weimarer Zeit, er war kein Nazi, aber anti-liberal und konservativ so wie die meisten dieser Generalstäbler in Pullach auch. Sie alle genossen einen märchenhaften Lebensstandard mit amerikanischen Zigaretten und Dollars, da ließ es sich leben."

"Adenauer hatte keine Skrupel, die Informationen entgegenzunehmen"

Nach dem Entstehen der Bundesrepublik 1947 hatte Gehlen den Ehrgeiz, so etwas wie ein Generalunternehmer für Sicherheit zu werden, so Henke: "Die Amerikaner nannten das damals Reichssicherheitshauptamt light." Gehlen habe das bis in die 1950er Jahre mit großer Intensität vorangetrieben und wollte auch exekutive Rechte für sich, doch das sei auf den entschiedenen Widerstand der Briten gestoßen.

Gehlen hielt sich an Bundeskanzler Konrad Adenauer. "Gehlen ließ Milieus, Institutionen und Personen ausspionieren, die ihm nicht passten, die ihm zu liberal oder zu links oder gegen Hitler waren, die wurden ins Visier genommen, unter der falschen Flagge der Spionageabwehr. Das alles geschah hinter der Wand des Hochgeheimen in Pullach, selbst die Army konnte da nicht durchblicken." Gehlen sei es um die Bekämpfung der kommunistischen Unterwanderung gegangen, "da treffen sich die Machtinteressen von Adenauer und Gehlen selbst. Seine Informationen waren für das Kanzleramt nützlich", betont Henke abschließend. Adenauer habe keine Skrupel gehabt, jegliche Informationen über den Koalitionspartner FDP, die Sozialdemokraten und Gewerkschaften entgegenzunehmen: "Wenn das damals ruchbar gewesen wäre oder jetzt mal kontra-faktisch gesprochen das Buch damals schon erschienen wäre, hätte sich die Regierung nicht halten können. Das wäre ein ungeheeurer Skandal gewesen."

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