ARCHIV - 15.09.2008, USA, New_York: Der Mitarbeiter eines Börsenhändlers schlägt an der New Yorker Börse «New York Stock Exchange» an der Wall Street die Hände vor das Gesicht.
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- Was hat die Finanzwelt gelernt?

Am 15. September vor genau zehn Jahren ging der traditionsreichen US-Bank Lehman Brothers das Geld aus. Um die Welt flimmerten die Bilder entsetzter Börsenmakler und Bank-Angestellter mit Pappkartons, die ihre Büros räumen mussten. Das globale Finanzsystem konnte nur mit gigantischen Geldspritzen der Notenbanken vor dem Infarkt gerettet werden. Die Folgen sind bis heute spürbar. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat ein Buch über die Finanzkrise veröffentlicht; mit ihm sprach Eric Graydon aus der Inforadio-Wirtschaftsredaktion.

Kurz gefasst entstand die Finanzkrise durch eine gigantische Immobilienblase in den USA: Menschen kauften Häuser mit Bankkrediten, die sie nicht bedienen konnten. Tooze fügt hinzu: es waren nicht nur amerikanische Banken, sondern auch europäische beteiligt. Und auch in anderen Ländern - Spanien, Irland, Großbritannien oder Baltikum - wurden weitere Immobilienblasen aufgemacht. "Wir reden hier also nicht von einer amerikanischen, sondern von einer nordatlantischen Finanzkrise".

Ein Börsenmakler sieht entsetzt auf die Anzeigetafel der Bombay Börse, Indien, 15.09.2008
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Ein 'bank run' - diesmal unter den Banken

Der Zusammenbruch war "im Grunde etwas ganz Simples", konstatiert Tooze. Die Immobilien seien nur der Auslöser für den finanziellen Herzinfarkt gewesen:

"Als klar wurde, dass die Anlagen nicht die Gewinne abgeben, die man erwartet hat und sogar Verluste einfahren, fällt auf der anderen Seite der Boden weg, nämlich bei der Finanzierung der Banken. Es gab im Grunde einen 'bank run', wie man ihn aus dem Film kennt. Nur eben jetzt im Zeitraffer - weil es Banken waren, die siich gegenseitig das Geld weggenommen haben und diese tägliche Neufinanzierung nicht mehr ermöglichten."

So habe das gesamte Geschäft von Lehman Brothers davon abgehangen, täglich 200 Milliarden Dollar neu zu finanzieren. Also ein Drittel der gesamten Bilanz musste täglich neu finanziert werden. "Und das sind Einlagen, die man für 12 bis 24 Stunden bekommt, dann werden sie rausgezogen, und der Kunde - in diesem Fall eine andere Bank - entscheidet sich für weitere 24 Stunden, das Geld Lehman zurück zu geben. Und in der ersten Septemberwoche konnten sie noch 200 Milliarden rollen, und in der zweiten Septemberwoche nichts mehr."

Tooze bezeichnet das als den "Schlaganfall, der sich natürlich im System ausbreitete, weil alle sich dann plötzlich zurückziehen."

Ein Angstellter verlässt sein Büro bei der Bank Lehman Brothers mit einem Pappkarton in der Hand, 15.09.2008
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"Strukturell ist praktisch nichts passiert"

Was waren die Folgen dieses Desasters? "Beim Krisenmanagement hat man sehr viel dazugelernt", sagt Tooze. Mit der "Reaktorsteuerung nach dem GAU" sei man ziemlich fit geworden.

Aber beim Gegenpart, der strukturellen Veränderung, sei praktisch nichts passiert: "Das ist das Erstaunliche, dass nicht wirklich umgedacht wurde. Wir haben ein nach wie vor dollar-basiertes globales  Bankensystem. Die Banken außerhalb Europas sind größer als vor der Krise; innerhalb Europas sind sie zurückgefahren worden, weil die europäischen Banken noch überdimensionierter waren als ihre amerikanischen Wettbewerber. (...) Worauf wir uns verlassen ist, dass wir einfach managen können, dass wir mit diesen Risiken umgehen und das System weiterfahren können."

Die (fast) unbemerkte China-Krise

Sind wir also auf potenzielle Finanzkrisen von morgen vorbereitet? "Wir sind mit dem Krisenmanagement so weit, dass sich die Ereignisse von 2008 im nordatlantischen Raum nicht wiederholen werden", so die Prognose von Tooze.

Anders sieht es beim Verhältnis zwischen den USA und Schwellenländern wie China aus: "Da weiß ich nicht, ob wir wirklich absehen können, wie diese Risiken gemanagt werden können."

Bezeichnend sei die Beinahe-Krise 2015/2016 gewesen, die man im Westen nicht richtig wahrgenommen hat, "weil wir durch die Griechenland-Krise, durch die Ukraine und die Flüchtlingskrise ein bisschen abgelenkt waren". Damals sei in China die Börse eingebrochen, das Wachstum ging zurück und das Regime verfiel in Panik. Interessant sei damals gewesen, dass die US-Fed "gewissermaßen aus Sympathie mit den Chinesen" den Anstieg der US-Zinsen vertagt hat, sodass die USA ihre Geldpolitik auf die Bedingungen Chinas abgestimmt hat.

Ein Angstellter verlässt sein Büro bei der Bank Lehman Brothers mit einem Pappkarton in der Hand, 15.09.2008
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"Trump wirft einfach Handgranaten in den Spannungsherd"

Frage sei allerdings, ob so etwas unter den heutigen politischen Bedingungen genauso denkbar sei - "gerade bei Trump, der jeden Verfall der Shanghaier Börse als Sieg für seine Handelspolitik betrachtet."

Gleiches gelte für Europa: "Wenn Sie die europäischen Zentralbanker fragen, warum sie davon ausgegangen sind, dass die Amerikaner sie retten, dann zucken sie die Achseln und sagen: Wir haben so viel Geschichte miteinander und kennen uns seit ewig - wir hätten es uns nicht anders vorstellen können."

Doch auch ohne Trump müsse man sich fragen, ob so ein intimes Verhältnis mit China denkbar wäre. "In Asien hat der Westen den Kalten Krieg nicht gewonnen - nicht in Vietnam, nicht in Korea, und ganz bestimmt nicht in China. (...) Es bleibt ein fundamentaler Konflikt, der nicht aufgelöst ist, und trotzdem haben wir uns auf intensivste Weise miteinander vernetzt. Apple hat außerhalb von China keine Produktionsanlagen für iPhones mehr. Gar keine! General Motors verkauft inzwischen mehr Wagen in China als in den USA." Dort sei "ein Spannungsherd entstanden, in den Trump mittlerweile nur noch Handgranaten reinwirft."

Entschärft werden könne die Situation nur durch die Entkoppelung der beiden Wirtschaften. "Das würde eine Symmetrie schaffen zwischen Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. Aber das würde für die amerikanische Wirtschaft einen Riesen-Schlag bedeuten. Das wäre eine Entflechtung nicht ganz wie der 'Brexit', aber zum Beispiel für Apple wäre das ein Riesen-Schlag."

Infos zum Buch

Tooze, Adam
Crashed - Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben
Siedler Verlag, 800 Seiten
38,- EUR (gebunden), 34,99 EUR (eBook)

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