Fahnen der Solidarnosc-Bewegung (Bild: imago/Artur Widak)
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- "Die Widerstandstradition ist in Polen nie erloschen"

Wolfgang Templin war Bürgerrechtler in der DDR und teilt mit vielen Mitstreitern von damals eine besondere Nähe zu Polen. Die Gewerkschafts- und Widerstandsbewegung Solidarność inspirierte sie. Noch heute pflegt Templin Kontakte zu polnischen Oppositionellen und hat ein Buch über die Geschichte des Landes geschrieben. Warschau-Korrespondent Jan Pallokat hat mit dem Publizisten gesprochen - unter anderem über den Rechtsruck in Europa.  

Wolfgang Templin, deutscher Bürgerrechtler und Publizist (Bild: imago/Metodi Popow)
Wolfgang Templin, deutscher Bürgerrechtler und Publizist Bild: imago stock&people

Polen hat aus Templins Sicht ein viel stärkeres Bewusstsein für die Widerstandstradition als Deutschland. "Es gab sie in der DDR, aber nach dem 17. Juni 1953 war sie völlig traumatisiert und gebrochen", sagt er. In Polen sei das anders gewesen.

Der Widerstandstradition schlossen sich dort ganz verschiedene Menschen an, so der Bürgerrechtler: "Die konnte polnische Patrioten erfassen, […] die konnte Ex-Kommunisten wie Kuroń, Modzelewski, Kołakowski erfassen". "Ich sah in diesen biografischen Wegen, den Entscheidungen zum Widerstand, auch den Umwegen dahin, einen Teil meiner eigenen späteren Biografie", erklärt Templin.

Dabei habe ihn vor allem der Gedanke der Gemeinsamkeit fasziniert: "Keinem Land wird es gelingen, einzeln auszubrechen. Gewaltsame Aufstände bringen nichts, Hoffnung auf Reformen auch nicht", sagt er. Die Solidarność sei vor allem durch die Formel einer "sich selbst begrenzenden Revolution" zusammengehalten worden. "Aus einer Gewerkschaftsbewegung wird eine Massenbewegung, die ihr Gegenüber auf friedliche Weise zu immer größeren Zugeständnissen nötigt", erläutert Templin.  

"Polen ist der Schlüssel zum östlichen Teil Europas"

Die derzeit in Polen regierende PiS und ihre Parteimitglieder sind auch "Kinder der Solidarność" und sprechen als Bewegung mit rechtsgerichteten Themen viele Menschen an - ähnlich wie die AfD in Deutschland. Aus Templins Sicht gibt es in Deutschland jedoch weiterhin eine demokratische Mehrheit - "noch", betont er.

Dass sich einige Anhänger rechtspopulistischer Bewegungen in einer ähnlichen Situation sehen die DDR-Widerstandskämpfer, bezeichnet der Publizist als "absoluten Humbug". "Jeder, der die Realsituation in einer - bis zum Schluss ziemlich harten - Diktatur erlebt hat, kennt die Unterschiede", sagt er. "Elitenarroganz gibt es in jeder Demokratie. Ich kann ihr in einer Demokratie aber ungleich stärker öffentlich gegenübertreten." Durch seine eigenen Erfahrungen sei ihm bewusst geworden, wie wertvoll die Freiheit ist und wie gefährdet sie sein kann.

Templin sagt, er habe die Hoffnung, dass die Europäische Union die Rückbesinnung auf Nationalismus in vielen Ländern überleben wird. "Für mich bedeuten schärfere Konflikte, die jetzige fast Ausnahmesituation, die Chance, Kräfte, Vernunft, Energien zu mobilisieren", sagt er. "Wir haben ein Europäisches Parlament. Wir haben Ansätze zu Kooperationen in einer europäischen Zivilgesellschaft. Und ich wünsche mir, dass unsere Erfahrungen dazu beitragen, genau diese Entwicklungen zu befördern." Dafür müsse das deutsch-polnische Verhältnis unbedingt erhalten und gestärkt werden. "Polen ist die Brücke und der Schlüssel, um den östlichen Teil Europas nicht aufzugeben."

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