Michael Bienert (Bild: imago/Gerhard Leber)
imago/Gerhard Leber
Bild: imago/Gerhard Leber

- Michael Bienert auf den Spuren Döblins

Berlin ist eine Stadt, die viele Dichter angezogen hat. Und es gibt einen Mann, der sich mit nahezu all diesen großen Literaten und ihrem Berliner Leben auskennt und über sie geschrieben hat. Dieser Mann heißt Michael Bienert. Im Zentrum seines Gesprächs mit unserer Kulturkorrespondentin Maria Ossowski steht der Schriftsteller Alfred Döblin, der genau heute, am 10. August, vor 140 Jahren geboren wurde. Und der die Metropole Berlin so realistisch und auch futuristisch geschildert hat wie kein zweiter.

"Kleists Berlin", "Fontanes Berlin", "Kästners Berlin", "E.T.A. Hoffmanns Berlin" – dass in dieser Reihe "Döblins Berlin" nicht fehlen darf, versteht sich von selbst. Das Buch hat bereits im vergangenen Jahr ein Mann aufgelegt, der sich in Berlin längst den Rang des besten literarischen Stadtführers der Stadt erlaufen hat: Michael Bienert, der 54jährige "Berlinologe", wie er sich selbst nennt. "Diese Berufsbezeichnung habe ich erfunden. Jeder weiß, was das sein könnte", erzählt er im Gespräch mit Maria Ossowski. Er betrachtet sich als "Ich-AG", die sich nicht wissenschaftlich mit Berlin beschäftigt, sondern mit den subjektiven Empfindungen von Schriftstellern, "die immer einen kreativen und schöpferischer Blick auf diese Stadt hatten", wie Bienert erklärt.

Döblin beobachtete Zustände, die wieder akut sind

Bienerts "Döblins Berlin" zeichnet den Weg der Hauptfigur Franz Biberkopf nach, und natürlich liefert der in den späten 1920er Jahren entstandene Roman eine wahre Fundgrube für Spaziergänger mit literarischen Zielen. Dabei, so findet Bienert, gibt es zwischen dem Berlin der Weimarer Republik und dem heutigen Berlin interessante Parallelen: "Nach der Wiedervereinigung ist diese Stadt erstmal zusammengewuchert zu großen Komplex und damit dem Berlin von Döblin schon näher gekommen. Im Augenblick bewegt sich Berlin weiter darauf zu", meint Bienert. Als Döblin 1888 nach Berlin kam, gab es hier noch keine Elektrizität. "Döblin hat Berlin als wachsende Stadt wahrgenommen. Schon damals beobachtete er Wohnungsnot, Obdachlosigkeit, soziale Gegensätze. Das sind alles Themen, die sich in einer jetzt wieder wachsenden Stadt weiter stellen werden."

"Döblin war überzeugter Ostberliner"

Wenn Bienert seine Gäste durch Döblins Berlin führt, geht es natürlich auch zum Alexanderplatz. "Schon zu Zeiten eines Franz Biberkopf war der Platz eine Übergangswelt in den Berliner Osten hinein, hier lag die soziale Grenze zwischen Mitte, City und Osten", erzählt Bienert. Damals stand das Polizeipräsidium dort, wo jetzt das Shoppingcenter "Alexa" steht. Also ist schon in den 1920er Jahren Armut und Kriminalität am Alexanderplatz in den Blick gekommen. Später zog der überzeugte Ostberliner Alfred Döblin in den Westen an den Kaiserdamm. "Aber er hat sich dort immer etwas unwohl gefühlt", so Bienert. Im Osten habe er sich näher an den Problemen der Menschen gewähnt.

Wie sich Döblin das Berlin der Zukunft vorgestellt hat - und wie visionär er dabei war, auch darum geht es in diesem Vis-à-Vis-Gespräch von Michael Bienert mit Maria Ossowski.

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