Das Karl Marx Monument in Chemnitz
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- "Marx hat keinen Honecker oder Mielke gewollt"

Auch zu seinem 200. Geburtstag hat Karl Marx noch vieles zu sagen, wenn es nach Buchautor Jürgen Neffe ("Marx - der Unvollendete") geht. Mit Ruth Kirchner spricht er über Marx' zentrale Botschaft, seine Schwächen und über den Missbrauch, der mit Marx und seinen Ideen betrieben wurde.

Am 5. Mai wäre Karl Marx 200 Jahre alt geworden.  Der Autor von "Das Kapital", Mitverfasser des Kommunistischen Manifests, Fundamental-Kritiker des Kapitalismus. Weltweit wird an Marx erinnert - die chinesische Regierung hat der Geburtsstadt von Marx, Trier, sogar eine riesige, tonnenschwere Marx-Statue geschenkt hat.

Aber wofür steht Marx eigentlich? Was hat er uns heute noch zu sagen? Jürgen Neffe hat eine viel beachtete Biographie über Marx geschrieben: "Marx - der Unvollendete". Er sieht Marx "als Weltversteher und auch als Weltverbesserer – zumindest hat er das versucht."

"Neue Qualität des Kontrollverlustes"

Für Neffe ist die wichtigste Erkenntnis von Marx, wenn er sagt: "Die Menschheit gleicht dem Hexenmeister nach Goethe, der die Gewalten nicht mehr beherrscht, die er ausgelöst hat. Und die zentrale Botschaft bei Marx ist, dass wir im Kapitalismus von etwas beherrscht werden, statt es zu beherrschen. Wir haben einen richtigen Kontrollverlust in Kauf genommen, für diese unglaublichen Produktivkräfte. […] Und interessant für unsere Zeit ist, dass dieser Kontrollverlust in diesen Tagen noch mal eine ganz neue Qualität annimmt, mit Industrie 4.0, mit sozialen Netzwerken, Digitalisierung und so weiter. Wir sind gerade dabei, die Kontrolle völlig aus der Hand zu geben. Wir unterwerfen uns womöglich endgültig einer von uns gemachten Sache."

Autor Jürgen Neffe
Buchautor Jürgen Neffe ("Marx - der Unvollendete")Bild: imago/ecomedia/robert fishman

"Marx ist sehr missbraucht worden"

Im Namen von Marx sind viele Verbrechen begangen worden, was man laut Jürgen Neffe zwar mitdenken müsse - aber zu seinen Gunsten: "Das ist in seinem Namen passiert, so wie die Inquisition in Jesus' Namen passiert ist. Marx ist da sehr missbraucht worden. Der hat weder die Revolution 1917 vorausgesagt oder gewollt. Er hat keinen Parteiapparat gewollt, er hat keinen Honecker oder Mielke gewollt, keine Vorhutpartei, wie es damals hieß. Er hat sich das schon ganz anders vorgestellt. Bei Marx heißt es: Die Freiheit des Einzelnen ist die Voraussetzung für die Freiheit aller. Im Osten hat man das umgedreht, da hat man gesagt: Die Freiheit aller ist die Voraussetzung für die Freiheit des Einzelnen. Ja, da kannste lange warten."

Über die Schwächen von Marx und seiner Argumentation, über die Frage, worin in seinen Augen Marx' Auftrag an die heutige Zeit liegt und darüber, warum er klar trennt zwischen dem, was Marx gesagt hat und was Marxisten gesagt haben, darüber spricht Jürgen Neffe im Vis à vis mit Ruth Kirchner.

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Vis à vis

Hintergründe, Meinungen und Analysen im Dialog: Hier kommen Menschen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu Wort.