Klaus Wowereit (SPD), Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister, stellt sein neues Buch vor. (Bild: dpa)
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- Wowereit: "Der BER ärgert mich enorm"

Länger als ein Jahrzehnt war Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister und hat Berlin geprägt. Seit seinem Abgang vor dreieinhalb Jahren ist es ruhiger geworden um "Wowi". Doch jetzt taucht der SPD-Politiker wieder in der Öffentlichkeit auf - er hat ein Buch geschrieben: "Sexy, aber nicht mehr so arm: mein Berlin". Landeskorrespondent Jan Menzel hat mit Wowereit über das Buch gesprochen - und über dessen Blick auf die Stadt und den Politikbetrieb.  

Anekdoten aus der Politik, brisante Enthüllungen, Kultur-Klatsch oder Geheimnisse aus dem Nachtleben? Nein. Wer das in vom neuen Buch von Klaus Wowereit, langjähriger Regierender
Bürgermeister der Hauptstadt, erwartet, wird enttäuscht. Der Autor verrät in dieser Hinsicht wenig, schreibt aber: "Für einige Leser wird das vorliegende Buch möglicherweise nicht spektakulär und provozierend genug sein." Der Satz findet sich allerdings erst im Nachwort.

Eine weitere Feststellung beschreibt hingegen recht genau, worum es in "Sexy, aber nicht mehr so arm: mein Berlin" (erscheint am 4. Mai im Verlag Edel Books) gehen soll - und worum nicht: "Bisken wat kann ich schon sagen über Berlin. Weshalb in diesem Buch meine Stadt die Hauptrolle spielt, nicht das ehemalige Stadtoberhaupt." Dabei ist "bisken" weit untertrieben. Tatsächlich erklärt Wowereit die Millionenstadt Berlin in so vielen Zahlen, Details, Rückblenden und Nebensträngen, dass das manchen Lesern zu viel sein könnte.  

Porträt der Hauptstadt - und Rechtfertigung?

In seinem ersten Buch "...und das ist auch gut so.: Mein Leben für die Politik" beschrieb der SPD-Politiker, der 2001 Regierender Bürgermeister wurde, Herkunft, Jugend und Aufstieg. Das neue Buch ist in weiten Teilen ein umfangreiches Berlin-Porträt. Ein zweiköpfiges "Redaktionsteam" unterstützte Wowereit beim Schreiben und lieferte wohl die Daten- und Faktengrundlage. Entsprechend unpersönlich erscheinen manche Abschnitte.

Einige Kapitel verraten aber doch manches über Wowereits Gemütszustand rund zwei Jahre nach dem Abschied aus dem Amt. Wie viele Politiker fühlt er sich missverstanden. Ausführlich erläutert er, dass Politiker eben nicht so sind, wie das Klischee es will: Faul, eitel und machtbesessen. Kenner der Politik würden ihm da nicht völlig widersprechen. Trotzdem klingt es bei Wowereit wie eine Rechtfertigung.  

"Rote Teppiche sind Arbeit und Politik"

"Zuhören, reden, lesen, schreiben" - so sehe die Arbeit von Politikern aus. Außerdem Sitzungen, vertrauliche Gespräche, Aktenstudium, Telefonate, Konferenzen, Klausurtagungen. Die komplexen Probleme der Finanz- und Haushaltspolitik ließen sich nur von Fachpolitikern bewältigen, schreibt Wowereit. Zwar habe er nie einen ganzen Haushaltsplan mit vielen tausend Seiten gelesen. "Aber ich wusste stets, wie die Politik bei welchen Ausgaben an welchen Rädchen drehen kann und drehen sollte. Und das halte ich, mit Verlaub, für echt sinnvolle Arbeit."

Überhaupt seien die ganzen Geschichten um "Partymeister", rote Teppiche und Champagnerflaschen Missverständnisse, schreibt Wowereit. Schließlich sei er "das absolute Gegenteil eines schrägen Vogels. Schon vom äußeren Auftritt her bin ich, glaube ich, ein ganz normaler, eher bürgerlicher Typ." Daher tauge er auch nicht für "Celebrity-News, Glamour und Skandal".

Berlinale, Modemesse, Musical- und Opernpremieren, Empfänge seien letztlich Arbeit und Politik. "Und ich winke dann auch nicht in die Kamera, damit alle den Wowi toll finden, sondern um Berlin als Kulturmetropole zu verkaufen. (...) Ganz von allein kommt das 'sexy' nämlich nicht."  

Absage der BER-Eröffnung: "Dunkelste Stunde meiner Amtszeit"

Auch seinen beiden bekanntesten Sätzen widmet Wowereit kurze Rückblicke: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so" und "Berlin ist arm, aber sexy". Um nach persönlicher Bilanz und den Abhandlungen über Wirtschaft, Verkehr, Soziales und Kultur in Berlin zu Kapitel 6 zu kommen: "Berlin, Brandenburg, der Bund und ihr Flughafen."

Neues erfährt man hier aber auch nicht. Letztlich hätten "die ständigen Erweiterungen des Projekts die Planer zur Verzweiflung gebracht", so Wowereit über den bis heute nicht fertig gestellten neuen Hauptstadtflughafen. "Was für eine Blamage", heißt es zur Absage des ersten Eröffnungstermins 2012. "Ich muss zugeben, das war die dunkelste Stunde meiner Amtszeit, ja der mit Abstand schlimmste Moment meines Berufslebens überhaupt." Dieser "nicht zu leugnende Makel" seiner Amtszeit schmerze auch heute noch.  

"SPD muss sich inhaltlich positionieren"

Am Flughafenbau seien aber zahlreiche Politiker und Manager beteiligt gewesen. Für das Desaster "gibt es weder den einen Grund noch gab es einen entscheidenden Moment. Und erst recht gibt es nicht den alleinigen Verantwortlichen", schreibt Wowereit. "Dass am Ende alles auf den Aufsichtsrat geschoben wurde, speziell auf seinen Vorsitzenden K. W. empfand ich selbstverständlich als ungerecht und nicht zutreffend."

Erst am Schluss kommt noch kurz die SPD dran. Zwei Ratschläge gibt Wowereit seiner Partei: Die Bündnisfrage müsse grundsätzlich geklärt werden. Ein Bündnis der Mitte, also mit CDU oder FDP, dabei grundsätzlich auszuschließen, sei der falsche Weg angesichts der sich wandelnden Parteienlandschaft. Außerdem müsse die SPD klären, wo sie inhaltlich stehe: linke Volkspartei oder "Neue Mitte" wie vor 20 Jahren mit Gerhard Schröder. Die neue SPD-Führung wird das zur
Kenntnis nehmen.  

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