Veranstalterlegende Rudi Thiel beim ISTAF-Treffen 2013 im Berliner Olympiastadion (Bild: imago/Camera)
imago
Bild: imago

- "Mister ISTAF" traf Hitler auf Wohnungssuche

Carl Lewis, Edwin Moses, Sergej Bubka - wenn die großen Stars der Leichtathletik nach Berlin zum Istaf kamen, dann steckte dahinter Rudi Thiel. Drei Jahrzehnte lang war er Sportdirektor des traditionsreichen Berliner Meetings und feierte kürzlich seinen 90. Geburtstag. Im Gespräch mit Philipp Büchner erzählt Thiel unter anderem, wie er Usain Bolt zum ISTAF gelockt hätte und wie er Adolf Hitler auf Wohnungssuche traf.

Mit seinem Spitznamen "Mister ISTAF" hat sich Rudi Thiel inzwischen arrangiert. "Ich habe mich zu Anfang schon ein bisschen dagegen gewehrt, weil ich das immer für ein bisschen übertrieben hielt", sagt er. "Aber nun komme ich nicht darum herum, weil das ja bis ins Ausland reicht. Ich kann damit leben."

Thiels Karriere beim ISTAF begann als Helfer. Er betreute Athleten, holte sie zum Beispiel vom Flughafen ab. Dabei musste er unter anderem die Stäbe der Stabhochspringer mit einem kleinen VW-Käfer transportieren, erzählt er. "Die waren fünf Meter lang. Um sie transportieren zu können, konnte man sie nur unter den Wagen schnallen und an den Stoßstangen befestigen. Das ging eigentlich ganz gut."

Sein Motto für das ISTAF lautete: Wer nicht hingeht, muss das Gefühl haben, etwas zu verpassen. "Es ging mir immer darum, interessante, spannungsreiche Momente zu schaffen." Das seien unter anderem die Duelle der stärksten Läufer gewesen. Thiel ist überzeugt, dass er es auch geschafft hätte, Usain Bolt nach Berlin zu holen. "Über Geld hätte man dann aber sprechen müssen", gibt er zu. "Das wäre sicherlich auch eine Rekordsumme für uns gewesen."

Thiel baute die Neue Nationalgalerie

Was viele nicht wissen: Rudi Thiel war nie hauptberuflich für das ISTAF tätig, sondern arbeitete als Architekt für den Berliner Senat. Dabei war er unter anderem für den Bau der Neuen Nationalgalerie verantwortlich. "Beruf und Sport haben sich dann doch irgendwo gegenseitig befruchtet", sagt Thiel. "Ich konnte Elemente aus dem einen Bereich für den anderen nutzen."

Als Beispiel nennt er den Kammermusiksaal, dessen Fertigstellung kritisch und zeitlich knapp war. "Und dafür habe ich dann die, wie ich die Sitzungen für den Sport machte, übernommen." Das habe gut geklappt und der Saal wurde rechtzeitig fertig.

Der 90-Jährige blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Er traf nicht nur Spitzensportler, sondern auch andere weltberühmte Persönlichkeiten. So begegnete er beim Bau der Neuen Nationalgalerie dem legendären Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe. "Das war eines der größten Erlebnisse in meinem Leben", erinnert er sich.

Hitler störte Thiels Mutter beim Kochen

Aber auch dem nationalsozialistischen Diktator Adolf Hitler begegnete Thiel eines Tages. "Das war eine ziemliche Überraschung", sagt er. "Mein Vater war in Bezug auf seine Wohnung sehr umtriebig. Wir haben in den 1930er Jahren achtmal die Wohnung gewechselt." Der Vater bewarb sich unter anderem auf eine Anzeige der Dresdner Bank, die eine Familie für eine Villa am Landwehrkanal suchte.

"Wir haben da etwas über ein Jahr gewohnt", sagt Thiel. "Und an einem Sonnabend kam ein Benno von Ahrendt - wie sich herausstellte der Lieblingsarchitekt von Hitler - und erzählte, er käme vom Führer und solle sich die Villa mal ansehen. Der Führer suche eine Unterkunft für den neuen Chef der Reichskanzlei, Herrn Dr. Lammers."

Nach einigen Telefonaten war klar: Hitler wollte sich die Villa am Nachmittag selbst ansehen. "Er kam dann mit drei oder vier Horch-Limousinen, mit lederbemäntelten SS-Leuten auf den Trittbrettern. Er kam die Treppe hoch und mein Bruder und ich haben keinen Ton rausgekriegt."

Dann sei er wie ein Immobiliensuchender durchs Haus gegangen und überraschte Thiels Mutter beim Kochen in der Küche. "Er machte die Tür gleich wieder zu, fast mit rotem Kopf", schmunzelt der ISTAF-Organisator. "Das war für uns sehr putzig - der große Hitler in der Küche." Und am Ende übernahm Hitler tatsächlich die Villa und Familie Thiel zog in ein Reihenhaus nach Lichtenrade.  

Als 17-Jähriger entging er nur knapp dem Tod

Später zog Rudi Thiel dann für Hitler in den Krieg. Nachdem die Wehrmacht in seiner Schule eine Bewerbungsaktion machte, ließ er sich als Reserveoffizier aufstellen. "Ich habe dann später eine Einberufung bekommen, im Januar 1945“, sagt Thiel. Er war damals 17 Jahre alt - und bekam die Aufgabe, Berlin an verschiedenen Stellen zu verteidigen, in Pankow und Mitte. "Eigentlich hatten wir immer nur den Eindruck, uns selbst zu verteidigen - dass wir da nicht noch hops gehen, in den letzten Stunden des Krieges."

In der Palisadenstraße war es für Thiel einmal sehr knapp. Dort verteidigte er mit fünf anderen ein Haus, als ein Granatwerfer den Hausflur genau traf. "Ich habe noch einen schwarzen Punkt gesehen, aber dann war bei mir schon aus", erzählt Thiel. Er verlor bei diesem Angriff ein Auge. "Ich kann von Glück sagen, dass es nicht mehr war. Denn zwei andere sind tot."

"Finger weg vom Olympiastadion!"

Zurück in die Gegenwart: Dass Hertha BSC gerade eine neue Spielstätte sucht, kann der langjährige ISTAF-Organisator verstehen. Aber er sagt ganz deutlich: "Finger weg vom Olympiastadion!" Bei der Renovierung des Stadions hätten sich "viele kluge Leute wirklich gute Gedanken gemacht". Berlin könne sich damit jederzeit wieder für Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften bewerben. Das Olympiastadion habe ein besonders Charisma: "Und da denke ich nicht an Herrn Hitler, der da auf der Tribüne stand", erklärt Thiel, "sondern an Jesse Owens."

Auf die Leichtathletik-EM in Berlin dieses Jahr freut er sich sehr und will jeden Tag im Stadion sein.  "Europa ist sehr gut gerüstet, was die Leistung angeht und die Typen", sagt der 90-Jährige. "Und ich hoffe sehr, dass das Stadion auch entsprechend gefüllt ist. Das werden wunderbare Tage für die Leichtathletik. Und für Europa."  

Zur Sendungs-Übersicht

Interviewsituation. Symbolbild für die Sendereihe Vis à vis [colourbox]

Vis à vis

Hintergründe, Meinungen und Analysen im Dialog: Hier kommen Menschen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu Wort.