Der World-Food-Programme-Landesdirektor für Syrien, Jakob Kern (Bild: World Food Programme)
World Food Programme
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- "Die Lage der Syrer ist schlimmer denn je"

Den Menschen in Syrien fehlt es an vielem: Lebensmittel, Medikamente, Kleidung. Jeder zweite in dem Bürgerkriegsland ist inzwischen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Diese kommt unter anderem vom World Food Programme der Vereinten Nationen. Hauptstadtkorrespondent Alex Krämer hat mit dem Landesdirektor für Syrien, Jakob Kern, über die Lage in Syrien gesprochen.  

Vor zwei Jahren hatte Alex Krämer schon einmal mit Jakob Kern gesprochen - der WFP-Landesdirektor für Syrien hatte gerade seinen Posten angetreten. Im Vergleich zu damals habe sich die Lage einerseits verbessert und andererseits auch verschlechtert, sagt Kern.

Gut sei, dass die Hilfsorganisationen nun einen viel besseren Zugang zur notleidenden Bevölkerung haben. Es gebe keine belagerten Städte mehr, Ost-Ghuta sei die letzte gewesen. "Der Fall von ISIS hat uns den ganzen Nordosten des Landes zugänglich gemacht", so der UN-Mitarbeiter.

Auf der anderen Seite habe sich die Lage der Menschen verschlechtert, sagt der Schweizer Kern. "Ihre Situation ist nach sieben Jahren schlimmer denn je." Das habe damit zu tun, dass immer mehr Reserven aufgebraucht sind. "Aber auch die Kampfhandlungen haben sich in den letzten Monaten intensiviert - so sehr, wie ich es in den vergangenen zwei Jahren nicht gesehen habe."

World-Food-Programme-Landesdirektor Jakob Kern prüft Lebensmittel für Menschen in Moadamiyeh (Bild: World Food Programme/Hussam Al Saleh)
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Monatliche Hilfslieferungen

Allein dieses Jahr sind laut Kern 500.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben worden - zusätzlich zu den sechs Millionen, die ihre Heimat bereits verloren haben. Das World Food Programme versorge vor allem ältere Leute, Behinderte und Kinder - mit Monatsrationen für fünf Leute. "Das sind etwa 50 Kilo Grundnahrungsmittel", erklärt Kern, "Bohnen, Linsen, Weizen, Öl, Zucker, Salz."

Darüber hinaus organisiert das World Food Programme aber auch andere Hilfe für die Bevölkerung. So verteilen die Mitarbeiter zum Beispiel Samen und Werkzeuge an Bauern oder helfen bei der Bienenzucht, damit sich die Menschen wieder eine Existenz aufbauen können. "Irgendwann möchten wir mit den Lebensmittelrationen ja aufhören und den Leuten ihre eigene Grundlage beschaffen", so Kern.  

World-Food-Programme-Landesdirektor Jakob Kern inmitten von Kindern in Aleppo (Bild: World Food Programme/Hussam Al Saleh)
Bild: World Food Programme

"Ich habe größten Respekt vor der syrischen Bevölkerung", sagt Kern. "Die Resistenz für Krisen ist größer als ich es je gesehen habe. Die Hoffnung, dass es irgendwann wieder normal zu- und hergeht in Syrien, ist immer noch da." Er erlebe es nicht oft, dass sich die Menschen für oder gegen die Regierung Assad aussprechen. "Was sie ausdrücken, ist: Wir wollen Frieden, wir wollen unser Land zurück, wir haben genug."

Das komme von allen Seiten, aus jeder Schicht. Ein gutes Beispiel dafür seien die 18 belagerten Städte gewesen. Außer den militanten Kämpfern habe die Zivilbevölkerung dort immer betont, sie habe mit dem Krieg nichts zu tun. "Die Menschen sehen den Krieg nicht mehr politisch, sondern als das, was er ist: Er hat ein Land zerstört."

Granaten und Bomben gehören zum Alltag

Wenn Jakob Kern nicht in Syrien unterwegs ist, lebt er überwiegend in der Hauptstadt Damaskus. Auch dort gehöre der Krieg zum Alltag. Er erzählt, wie er vor kurzem über einen Videochat mit seinem Sohn in Bangkok sprach, als in Sichtweite Granaten einschlugen. "Das ist unsere Realität, dass der Krieg immer auch in Damaskus war. [...] Man kann zwar nach draußen, in ein Restaurant gehen, aber wir können zum Beispiel seit einem Jahr nicht in die Altstadt."

Den Sinn seiner Arbeit sieht Kern darin, dass sie wirkt. "Wenn ich in ein Lager gehe und die Leute sagen: Das Einzige, auf das wir immer zählen konnten, waren die Lebensmittellieferungen - wir wussten, dass die jeden Monat kommen und das hat uns am Leben erhalten. Das ist genug Lohn für viele schlaflose Nächte wegen Bomben oder anderen Sorgen."  

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Hintergründe, Meinungen und Analysen im Dialog: Hier kommen Menschen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu Wort.