Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofmission am Berliner Bahnhof Zoo
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- Dieter Puhl - Ein Leben für die Bahnhofsmission

Ein Leben für die Bahnhofsmission – das ist nicht nur Titel des Buches, das der langjährige Leiter der Einrichtung am Zoo geschrieben hat – das ist Dieter Puhl. 25 Jahre arbeitet er dort, und wer mit ihm zu tun hat weiß, es ist sein Leben. Ulrike Bieritz hat mit Dieter Puhl über Glück und Leid rund um den Bahnhof Zoo gesprochen.

Glück und Leid am Bahnhof Zoo - er erlebt alle vorstellbaren Gefühlsextreme hautnah, Tag für Tag, und das seit Jahrzehnten. Doch wann ist Dieter Puhl glücklich? "Ich habe gelernt, ein zufriedener Mensch zu sein, das war ich nicht immer. Und gelegentlich bin ich auch glücklich", erzählt er im Gespräch mit Ulrike Bieritz.

Das Leid ist Stammgast bei der Bahnhofsmission am Zoo, "man muss hier beim Job aufpassen, dass man nicht verrückt wird, man muss `ne Portion Abgrenzung mitbringen. Man darf nicht zu dünnhäutig sein, das würde nach hinten losgehen. Das kann man aber trainieren. Wir haben eine Supervision und sind ein tolles Team, wir betreiben Mannschaftssport: 200 Ehrenamtliche, 150 Praktikanten, 300 machen Arbeit statt Strafe - die alle bei sich zu haben, das ist Glück", schwärmt Puhl.

"Jesus ist der Chef der Einrichtung"

Glück empfindet der Bahnhofsmissionsleiter, wenn Prominente wie Thomas Gottschalk zu Besuch kommen. Oder wenn er Briefe bekommt wie jenen eines Häftlings aus der JVA Tegel: "Er hat einen Dauerauftrag von 30 Euro monatlich für die Bahnhofsmission eingerichtet und will unbedingt helfen, sobald er aus dem Gefängnis entlassen wird. So etwas haut mir die Füße weg, auch nach 25 Jahren", freut sich Puhl.

Hinzu kommt sein Glaube an Jesus Christus, der ihm Kraft und Glück verleiht: "Bis Mitte 30 bin ich ganz gut durchs Leben gepaddelt. Ich habe lange damit zu tun gehabt, meinen Platz zu finden, und für mich ist es ein Segen, dass ich ihn am Zoo gefunden habe. Das ist ein guter Ort, weil Jesus der Chef der Einrichtung ist. Das glauben und leben wir. Es ist ein verdammt guter Ort für Christen, die Wunden haben mit Jesus. Wir decken den Tisch, Jesus wirkt."

"Diskussion um Tiergarten konnte ich nicht nachvollziehen"

Immer mehr Obdachlose in Berlin stammen aus Osteuropa, gleichzeitig brauchen Flüchtlinge Hilfe. Gibt es eine Konkurrenz der Bedürftigkeit? "Berlin hat tagesaktuell 50.000 Menschen untergebracht in guten Qualitäten. Vermutlich leben 6.000 Menschen auf der Straße, der überwiegende Anteil kommt aus Osteuropa. Aber soll eine Bundeshauptstadt inmitten Europas an 4000 Menschen einknicken? Wir müssen uns darum kümmern, wir müssen das begleiten und moderieren", meint Puhl.

Kritisch begleitet hat er die Diskussion um Obdachlose im Großen Tiergarten: "Diese Diskussion konnte ich inhaltlich nicht nachvollziehen, es gab nicht alle Meter ein Lager. Die Menschen, die dort gelebt haben, haben anderen nichts getan", betont er. Richtig sei: "Wenn Sie keine Toilette haben, keinen Ort, wo Sie Tampons wechseln können und keinen Rasierapparat haben, dann sehen Sie das den Leuten an. Darunter leidet sehr oft auch das Gemeinwesen. Wir haben ja nicht ohne Grund vor wenigen Jahren einen Hygienecenter im Bahnhof Zoo einrichten können. Und wenn Sie sehen, wie 78jährigen an Demenz erkrankten Menschen die Fußnägel geschnitten werden, dann wissen Sie, was Barmherzigkeit ist."

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