Ein Grabkreuz aus Stein auf einem Friedhof unter Bäumen (Bild: imago/Jochen Tack)
imago stock&people
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- Reden wir mal über den Tod

Über den Tod zu sprechen, ist etwas, das Vielen schwer fällt. Bei Eric Wrede ist das nicht der Fall. Der Berliner ist Bestatter und Podcaster. Er interviewt Menschen und spricht mit ihnen über den Tod und ihre ganz persönlichen Erfahrungen damit. Wir haben im Vis à vis den Spieß umgedreht. Jörg Poppendieck hat mit Eric Wrede gesprochen - über den Tod, Kritik an der Bestatterbranche und auch darüber, warum der direkte Kontakt mit Toten so wichtig ist für die Verarbeitung von Trauer.  

In seinem Podcast "The End" spricht Eric Wrede mit Menschen über den Tod - ob sie prominent sind oder nicht, spielt dabei keine Rolle. "Am Anfang dachte ich, man müsste da Menschen hinholen, die auch einen Namen haben, damit Leute sich das anhören", sagt Wrede. Aber eigentlich sei es egal, wer da sitzt, denn: "Die Geschichten sind wichtig."

Und spätestens im Alter von 40 Jahren habe fast jeder eine Geschichte zum Tod zu erzählen. Entstanden ist der Podcast aus der Idee, dass es oft schwierig ist, im privaten Umfeld über das Thema zu sprechen - etwa, weil man Angst hat, den Freunden auf die Nerven zu gehen.  

Der Berliner Bestatter Eric Wrede (Bild: privat/Erik Weiss)
Der Berliner Bestatter Eric Wrede | Bild: privat

Vom Musiker zum Bestatter

Ganz wichtig sei, den Menschen zu zeigen, dass sie mit ihrer Trauer nicht allein sind, dass es anderen Leuten genauso geht wie ihnen. "Wenn man Kinder in der Trauer betreut, ist häufig eine der Hauptaufgaben zu gucken, dass sie nicht alleine sind mit dem Erlebnis. Es gibt auch andere Kinder, die jemanden verlieren. Da musste ich wirklich verstehen: Das geht Erwachsenen genauso."

Eric Wrede kommt ursprünglich aus der Musikbranche. Mit 30 Jahren stellte er sich die Sinnfrage und entschied sich schließlich für den Beruf des Bestatters, nachdem er eine lange Liste mit seinen Fähigkeiten und Wünschen aufgeschrieben hatte. "Es war ein Zufall, dass ich ein Gespräch mit einem Pionier der etwas humaneren Bestattungskultur gehört habe", sagt er. "Und plötzlich ging ich in meinem Kopf die Liste durch. Und dann passte das alles."

Wrede will weg vom "Trauerfeier-Fetisch"

Wenn jemand stirbt, hätten die Angehörigen oft erst mal Fragen, für welche Urne oder welchen Sarg sie sich entscheiden sollen. Doch das ist aus Wredes Sicht gar nicht so wichtig. "Wenn man diese Fragen mal vom Tisch nimmt, also, wenn man von diesem - überspitzt gesagt - Trauerfeier-Fetisch weggeht, was da für tolle Antworten kommen, wenn man fragt: Was willst du denn mitnehmen?"

Dabei kritisiert der Bestatter auch, dass es in seiner Branche inzwischen oft ums Verkaufen geht. "Auch ich lebe von dem, was ich mache, auch ich muss meine Miete zahlen", sagt Wrede. "Aber wenn Sie zu mir kommen, weil bei Ihnen in der Familie was passiert ist, dann ist die Basis dieses Treffens erst mal Vertrauen."

Deswegen verkauft er Särge und Urnen zum Einkaufspreis und lässt sich nur seine eigene Arbeit, seine Kompetenz bei der Trauerbegleitung vergüten.

Kinder gehen mit dem Tod anders um

Bei der Verarbeitung eines Todesfalls helfe es oft, etwas Körperliches zu tun. Zum Beispiel könne eine Gruppe von Freunden gemeinsam einen Sarg selbst bauen. "Ich glaube, haptisches Tun ist in Extremsituationen etwas, das Sachen fassbar macht und verständlich macht", so Wrede.

Das gelte auch und insbesondere für Kinder, die trauern. Sie hätten oft ganz andere Fragen als die Erwachsenen. "Für Kinder ist der Tod häufig etwas, das man erst mal entdecken muss", erzählt Wrede. "Ich habe häufig Kinder, die einem heimlich Fragen stellen wie: Pupst der vielleicht noch? Oder: Wie sehen denn die Augen aus? Da geht es teilweise um sehr faktische Fragen."

Den Toten anschauen hilft bei der Trauer

Wrede bestärkt Angehörige darin, sich den Verstorbenen noch einmal anzuschauen. "Um zu verstehen, dass jemand tot ist, ist zumindest ein optisches Erleben etwas, zu dem ich rate. […] Ich versuche, das mit einer gewissen Normalität zu behandeln und das nicht so zu überhöhen, dass jemand auch Angst davor bekommt."

Da kommt wieder das Vertrauensverhältnis ins Spiel. Es sei ein bisschen wie bei einem Psychologen, erklärt Wrede. "Wenn ich jemanden rate, Du kannst den Verstorbenen noch mal sehen, dann heißt das: Du kannst mir vertrauen, da wird nichts Gruseliges auf dich zukommen. Das ist wichtig, weil der sich in dem Moment an mir orientiert und das heißt, ich darf auch nichts machen, was diese Vertrauensbasis irgendwie torpediert."

"Es gibt viele Möglichkeiten, dieses Leben zu verlassen"

Neben seinem Podcast hat Wrede noch etwas ins Leben gerufen: Eine kleine Bewegung namens "Hallo Tod". Auf dieser Online-Plattform finden sich Bestatter und Trauerberater, aber auch Krankenschwestern, Sozialpädagogen und Musiker zusammen. "Da geht es um interdisziplinäres Zusammenarbeiten", sagt Wrede. "Denn viele Professionen gucken immer nur auf ein ganz dünnes Feld." Gemeinsam stellen sie nun Informationen rund um den Tod und das Trauern auf die Website.

Von seinem Berufswechsel ist Wrede immer noch überzeugt: "Ich bin immer noch erstaunt, wie sehr ich in dem Beruf - sehr egoistisch - aufblühe." Allerdings hat sich auch etwas verändert, gibt er zu: "Ich glaube, dass ich mehr Schiss vorm Sterben habe, weil ich so viele Möglichkeiten gesehen habe, wie man dieses Leben verlassen kann."

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Interviewsituation. Symbolbild für die Sendereihe Vis à vis [colourbox]

Vis à vis

Hintergründe, Meinungen und Analysen im Dialog: Hier kommen Menschen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu Wort.