Gretchen Dutschke bei der Leipziger Buchmesse im März 2018 (Bild: imago/Christian Grube)
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- "Dann rief einer an und sagte, der Rudi wäre tot"

Am 11. April 1968 - also vor genau 50 Jahren - wurde Rudi Dutschke bei einem Attentat auf am Berliner Kurfürstendamm durch drei Kugeln schwer verletzt. Der Wortführer der Studentenrevolte überlebte zwar, starb aber 1979 an den Folgen seiner Verletzungen. Seine Witwe, Gretchen Dutschke, hat gerade ihre Erinnerungen veröffentlicht: "1968. Worauf wir stolz sein dürfen". Margarethe Steinhausen hat mit ihr über das Attentat und die turbulente Zeit der Studentenbewegung gesprochen.  

Aus Sicht von Gretchen Dutschke hat die Bewegung von 1968 viel erreicht. Man müsse sich erinnern, wie die deutsche Gesellschaft in den 1950er Jahren war, sagt sie im Inforadio. Die "Nazi-Reste" seien noch da gewesen, es hätten eine autoritäre Erziehung und autoritäre Strukturen in den Institutionen geherrscht. "Und das musste alles durchbrochen werden. Das ist uns gelungen."

Gretchen Klotz wurde 1942 im US-Bundesstaat Illinois geboren und wuchs dort auf. Sie studierte Philosophie und wollte Deutsch lernen, um philosophisch arbeiten zu können. "Ich dachte: Das geht nicht ohne Deutsch." So kam sie mit 21 Jahren auf einem Kohledampfer zunächst nach Antwerpen und reiste dann weiter nach München, wo sie das Goethe-Institut besuchte.

Ihren späteren Mann Rudi Dutschke lernte sie in einem Café in Berlin kennen, wie sie im Gespräch mit Margarethe Steinhausen erzählt.

Der Tod kommt mit 11 Jahren Verspätung

An den 11. April 1968, als ihr Mann Opfer eines Attentats wurde, erinnert sich Gretchen Dutschke noch sehr detailliert. Bevor sie darüber spricht, atmet sie tief durch und muss immer wieder schlucken, während sie erzählt. Ihr Sohn war erkältet, sollte Nasentropfen bekommen. Doch ihr Mann wollte zuerst zum SDS-Zentrum am Kurfürstendamm gehen, um Dokumente und Papiere über eine Prag-Reise abzugeben.

Vor dem Büro wurde er angeschossen. "Dann hat jemand angerufen und hat gesagt, dass Rudi tot wäre. Ich dachte, das wäre ein Spinner", erinnert sich seine Witwe. Mit Hilfe eines Freundes findet sie schließlich heraus, dass ihr Mann tatsächlich schwer verletzt im Krankenhaus liegt, aber lebt. 

Die Ärzte entfernen die Kugeln aus Rudi Dutschkes Kopf und Körper und am nächsten Tag kommt er wieder zu Bewusstsein. "Er sah aus wie eine weiße Mumie, alles verbunden, mit einem kleinen Schlitz, wo die Augen waren", erzählt Gretchen Dutschke.

"Er lag da, aber als er mich sah, hat er sich irgendwie aufgesetzt. Und dann hat der Arzt oder die Krankenschwester, die da stand, gefragt: Wer ist das? Und Rudi hat gesagt: Meine Frau. Und dadurch haben sie feststellen können, dass er sehen konnte. Er konnte hören, er konnte verstehen, konnte reden und mich auch erkennen. Und das war ein sehr gutes Zeichen." Nach und nach geht es ihrem Mann besser, doch im Jahr 1979 stirbt er schließlich an den Spätfolgen des Attentats.

Die besondere Rolle der Frauen

Gretchen Dutschke sagt, dass vor allem die Frauen, die antiautoritäre Idee von 1968 weitergetragen haben. Während sich viele Männer in kommunistischen Gruppen organisierten, die wieder autoritär strukturiert waren, hätten die Frauen viel mehr diskutiert, einander geholfen und die antiautoritäre Kindererziehung weitergetragen.

Das habe dafür gesorgt, dass sich die Ideen schließlich durchsetzten, sagt sie. "Dadurch, dass es sich auf praktische Fragen bezogen hat, kam es in immer breitere Kreise der Gesellschaft. Es wurde nicht mehr begrenzt auf Studenten oder eine bestimmte kleine Gruppe von rebellierenden Leuten, sondern es ging einfach in die Dörfer hinein."

Für die Zukunft wünscht sich Dutschke, dass die jungen Menschen gegen die Umweltzerstörung und die "Konsumbesessenheit" kämpfen. Sie ist sich sicher: "Das muss angegangen werden, wenn die Menschheit überhaupt überleben will."

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