ARCHIV - 17.02.1968, Berlin: Etwa 3000 Personen, meist Studenten, nehmen an der vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) durchgeführten "Internationalen Vietnam-Konferenz" in der TU teil.
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- Hat Berlin ein "Revolutions-Gen"?

Am 11. April 1968 - genau vor 50 Jahren - fielen in Berlin die Schüsse auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Bald darauf brachen die Studentenproteste los - charakteristisch für Berlin, weil ihnen noch viele weitere folgen sollten. Berlin ist "Stadt der Revolte", wie sie die Spiegel-Journalisten Michael Sontheimer und Peter Wensierski in ihrem gleichnamigen Sachbuch beschreiben. Ute Büsing hat mit ihnen gesprochen.

Für ihr Buch haben die Autoren die Situation in den 60er, 70er und 80er Jahren sowohl im damaligen Ost- als auch im Westteil beleuchtet. Es ging ihnen darum, "Stimmen zu bewahren, die sonst verloren gegangen wären - Stimmen von Leuten, die in unterschiedlichen Bewegungen und unterschiedlichen Ideen den Aufstand geprobt haben - und damit eine Art Geschichtsschreibung von unten zu betreiben."

Michael Sontheimer studierte in den 70er Jahren an der Berliner FU und zählte 1979 zu den Mitbegründern der links-alternativen Tageszeitung "taz"; beim SPIEGEL ist er seit 1995. Peter Wensierski schreibt seit 1993 für den SPIEGEL und war zuvor seit 1979 als westdeutscher Korrespondent in der DDR tätig.

Beide haben die Zeit selbst in Berlin miterlebt und kennen ihre Gesprächspartner(innen) teilweise seit Jahrzehnten. Dazu zählen nicht nur mehr oder weniger prominente "Revoluzzer" wie etwa "die 68er" um Dutschke oder die Kommune 1. In Ost-Berlin etwa gab es in der Fehrbelliner Straße 7 eine "legendäre Wohngemeinschaft - da wohnten Musiker und die Gründer der legendären Umweltbibliothek, ein großes Zentrum der Opposition" - auch sie ist in dem Buch präsent.

Konfliktpotenzial durch den Kalten Krieg

Woher kam der Zündstoff für die "68er-Revolte"? Der Grund: Hier prallten die ideologischen Fronten des Kalten Krieges aufeinander wie in keiner anderen deutschen Stadt. "Wer hier etwas gegen die Schutzmacht USA sagte, der bekam gleich etwas hinter die Löffel von den aufrechten Frontstädtern". Schon der Protest gegen den Vietnamkrieg schäumte hier hoch. Am 2. Juni 1967 wurde Benno Ohnesorg erschossen, ein Dreivierteljahr später kam das Attentat auf Dutschke.  

Unruhen im Osten führten zum Mauerfall

Die Proteste waren jedoch nicht auf den Westteil der Stadt beschränkt. Unruhen gab es auch in Ost-Berlin schon in den 50er und 60er Jahren gegen die SED-Obrigkeit (der bekannteste am 17. Juni 1953) - und setzten sich immer wieder fort, etwa in einer sehr lebendigen und aufmüpfigen Künstler- und Studentenszene in Prenzlauer Berg. In beiden Hälften der Stadt waren sich die Rebellen in ihren Zielen fast ein bisschen einig: einen demokratischen Sozialismus wollten beide - allerdings nicht nach dem verkrusteten Muster der DDR.

Im Gegensatz zur West-Revolte hat es die Ost-Opposition denn auch geschafft, die Gesellschaft grundlegend zu verändern und 1989 letzten Endes den Sturz des gesamten politischen Systems herbei zu führen.

"Revolten hören nie auf"

Revolutionen und Revolten entstehen meist ohne Vorahnung - aber unter bestimmten Voraussetzungen: Sie erfordern ein marodes, altes Regime. So war es in Frankreich 1789, und so war es in der DDR 200 Jahre später. "Dann passiert sowas".

Auch die Hausbesetzerproteste in West-Berlin 1981 waren nur möglich, weil der Senat in einen Korruptionsskandal verstrickt war und nicht mehr den Kopf hatte, jetzt auch noch die besetzten Häuser zu räumen. "Es braucht immer eine Schwäche der etablierten Ordnung, damit etwas erfolgreich durchgesetzt werden kann".

Doch es geht auch friedlich. Wie gewaltloser Widerstand Dinge verändern kann, zeigt der Konflikt um die Bebauung des Tempelhofer Feldes: "Das ist uns heute erhalten geblieben und ein toller Ort und die Leute strömen bei dem schönen Wetter zu Tausenden dorthin. Eigentlich wollten Leute damit spekulieren und Millionen machen. Und diesen Spekulanten wurde das Handwerk gelegt durch den Volksentscheid."

Fazit: Revolten gelingen manchmal und scheitern manchmal - aber sie hören nie auf.

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