Eien Frau nutzt in ihrer Wohnung ein tablet
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Bild: imago/Uwe Umstätter/Westend61

- "Erst nachdenken - dann digitalisieren!"

Der digitale Wandel in der Wirtschaft bringt Chancen für die Gesellschaft: Mit intelligenten Stromzählern lässt sich zum Beispiel der Energieverbrauch senken, digital vernetzte Verkehrsleitsysteme können den öffentlichen Nahverkehr verbessern. Akteure dieses wirtschaftlichen Wandels versprechen, damit - quasi en passant - die Welt zu retten, weil Ressourcen und Umwelt geschont werden. Über Chancen und Risiken der Digitalisierung spricht Gerd Dehnel mit Tilman Santarius. Der Professor von der TU Berlin hat darüber das Buch "Smarte grüne Welt?" geschrieben.

Digitalisierung kann Ressourcen schonen - etwa wenn man einen E-Book-Reader nutzt, statt hunderte Bücher zu kaufen. Oder wenn man sich Songs aus dem Netz lädt, statt Platten zu sammeln. Ist Digitalisierung also gleich Umweltschutz?

Es wäre schön, wenn es so einfach wäre, sagt Professor Tilman Santarius im Inforadio-Interview. "Dann müssten wir einfach nur radikal durchdigitalisieren und hätten den Planeten gleich gerettet." Er sehe zwar durchaus Chancen, mit digitalen Tools und Anwendungen Ressourcen und Energie einzusparen - aber es gebe auch etliche Risiken. Es könne sein, "dass wir am Ende des Tages noch viel mehr Ressourcen und Energie verballern als heute schon. Und wir befinden uns ja bereits auf nicht-nachhaltig hohem Niveau des Ressourcenverbrauchs."

Geräte müssen sich "ökologisch amortisieren"

Die Digitalwirtschaft kann also gut sein für Umwelt und Ressourcen - sie muss es aber nicht. Das hänge sehr stark von der Nutzung ab, so Santarius. Beispiel E-Book-Reader: Man könne damit Ressourcen sparen, wenn man viele Bücher darauf lese, bevor man ein neues Gerät kaufe. Der Reader müsse sich erst "ökologisch amortisieren" - das sei erst bei 30 bis 60 Büchern der Fall.

Ein zweites Einzelbeispiel: Kürzlich wurde auf der Reisemesse ITB dafür geworben, künftig seinen Urlaub in der virtuellen Realität zu verbringen. Flugreisen in exotische Länder könnten so entfallen. Tilman Santarius hält dieses Szenario für unrealistisch. Er glaubt, dass Reiseveranstalter virtuelle Anwendungen vielmehr dafür nutzen, den Kunden neue Ziele schmackhaft zu machen. Am Ende werde sogar noch mehr gebucht  - und geflogen. 

Welche realistischen Vorteile des digitalen Wandels er sieht, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Arbeitswelt hat, warum der Einfluss der "digitalen Giganten" wie etwa Facebook "zum Fürchten groß" ist und weshalb er den Slogan "Digital first. Bedenken second." falsch findet  - darüber spricht Professor Tilman Santarius im Inforadio-"Vis-à-Vis" mit Gerd Dehnel.

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