Der Kreml in Moskau
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Bild: imago/Yuri Gripas

- "Im Westen weigert man sich, die Russen anzuhören"

Für den früheren US-Präsidenten Reagan war die Sowjetunion das Reich des Bösen. Heute scheint dieses Bild für manche wieder zu passen - diesmal mit Blick auf Russland: Ukraine-Konflikt, Krim-Annexion - nun der vermeintlich russische Nervengift-Anschlag in Großbritannien. Russland sieht sich dagegen vom Westen unverstanden, verleumdet oder gar bedroht. Igor Maximytschew war fast 50 Jahre Diplomat im Auftrag Moskaus, darunter lange Zeit in Deutschland. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, das den Deutschen helfen soll, Russland zu begreifen.

Igor Maximytschew musste sich zum Schreiben dieses Buches durchringen - er war pessimistisch, glaubte einfach nicht, in Deutschland Gehör zu finden. "Im Westen weigert man sich, die Russen anzuhören", sagt er. Man höre nur auf die Stimme der Einzelgänger, die nicht die öffentliche Meinung vertreten können.

Tafelmit dem Ergbnis der Wahl in Russland mit dem Sieger Wladimir Putin
Klarer Wahlsieger: Wladimir Putin | Bild: imago/Stoyan Vassev

Bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen in Russland habe Wladimir Putin mit rund 77 Prozent der Stimmen gewonnen - seine Konkurrenten hätten den Rest unter sich aufgeteilt. Dies sei "einleuchtend genug, um zu urteilen, was die Stimme der Einzelgänger eigentlich wert ist", so Maximytschew.

Den Ausgangspunkt für die erneuten Spannungen zwischen Russland und dem Westen sieht er ganz klar darin, dass der Westen sein Versprechen, Nato-Ausdehnungen Richtung Osten nicht zuzulassen, nicht eingehalten habe. "Die DDR-Vereinnahmung durch die Bundesrepublik wurde damals von Michail Gorbatschow unter der Bedingung akzeptiert, dass das westliche Militärbündnis keinen Schritt ostwärts von der Trennungslinie zwischen Nato und den Warschauer-Pakt-Staaten machen würde. Gorbatschows Fehler war, dass er nicht darauf bestand, diesem Versprechen eine geschäftliche Form zu verleihen."

"Putin bot eine normale demokratische Entwicklung an"

In seinem Buch versucht Maximytschew zu erklären, warum Wladimir Putin genau der richtige Präsident für Russland ist. Als Putin sich im Jahr 2000 das erste Mal zur Wahl gestellt habe, habe Kommunistenchef Gennadi Sjuganow "eine reale Alternative zu Putin verkörpert", so der Historiker. "Doch die Mehrheit der Bevölkerung wollte weder eine Rückkehr zum Kommunismus noch die Fortsetzung des wilden Kapitalismus der 90er Jahre."

Putin habe damals einen dritten Weg angeboten: "Eine normale demokratische Entwicklung mit Wiederherstellung des inneren Friedens  - das war sehr wichtig angesichts der terroristischen Welle vom Nordkaukasus - der Aufrechterhaltung der sozialen Garantien für alle und der Sicherheit nach außen."

"Wir brauchen einander!"

Das Buch "Russland begreifen!" ist fast 200 Seiten stark - nur drei Seiten widmet Maximytschew den Schwächen Russlands. Eine zu einseitige Betrachtung?

"Mein Buch ist dem deutsch-russischen Verhältnis in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gewidmet. Meine Hauptthese ist: Das Zusammenwirken von Russen und Deutschen ist bei der Sicherung des Friedens und des Wohlstandes in Europa unentbehrlich. Die Stärken und die Schwächen der Partner sind dabei zweitrangig. Entscheidend ist der Wille zur Zusammenarbeit – in beiderseitigem Interesse."

Trotz der "sehr schweren gemeinsamen Vergangenheit - oder gerade deswegen - verstehen sich die Deutschen und die Russen in ihrer Masse bemerkenswert gut", betont Igor Maximytschew. "Wollen wir aufeinander zugehen und nicht gegeneinander aufmarschieren! Wir brauchen einander!"

Putin lenkt Russlands Politik seit 18 Jahren

* 2000-2004, ERSTE AMTSZEIT: Putin übernimmt die Führung des Landes von Boris Jelzin. Sein erstes Mandat ist geprägt vom Tschetschenien-Krieg und vom Vorgehen gegen Oligarchen. Der prominenteste Fall ist der des Ölmanagers Michail Chodorkowski.

* 2004-2008, ZWEITE AMTSZEIT: Putin konsolidiert seine Macht. Auch der Personenkult festigt sich. Bei einer scharfen Rede in München 2007 zeichnet sich der Konflikt Russlands mit dem Westen ab.

* 2008-2012, REGIERUNGSCHEF: Nach der Verfassung darf Putin nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren. Sein Vertrauter Dmitri Medwedew übernimmt und wird Präsident, Putin Regierungschef. 2012 vollziehen sie eine "Rochade", Putin wechselt wieder an die Staatsspitze.

* 2012-2018, DRITTE AMTSZEIT: Putins Rückkehr in den Kreml wird überschattet von Massenprotesten, die schon nach der Parlamentswahl 2011 begonnen hatten und auch nach der Präsidentenwahl aufflammten. International steht sie im Zeichen der Krim-Annexion 2014 und der schärfsten Spannungen mit dem Westen seit dem Ende des Kalten Kriegs. (dpa)

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