Bewohner in einem Altenpflegeheim in Eberswalde-Finow sitzen beim Mittagessen in dem Essensraum (Bild: imago/Inga Kjer)
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- Bienstein: "Pflege bleibt weiterhin ein 'Ekel-Thema'"

Die Pflege alter Menschen hatte im Wahlkampf letztes Jahr zunächst nicht unbedingt Priorität - bis ein junger Pflege-Azubi Kanzlerin Merkel vor laufenden Kameras mit der dramatischen Realität in Krankenhäusern und Pflegeheimen konfrontierte. Von da an war das Thema dann doch wichtig - auch bei den Koalitionsverhandlungen. Christel Bienstein ist Präsidentin des Bundesverbandes für Pflegeberufe. Marie Asmussen sprach mit ihr über Pflege in der Politik, in der Realität und in der Zukunft.

Die Pflege ist Christel Biensteins Lebensthema. Sie ist gelernte Krankenschwester, Professorin für Pflegewissenschaft und hat an der Universität Witten Herdecke das Konzept für den allerersten Pflegestudiengang mitentwickelt. Der Personalmangel sei immer noch das dringendste Problem, sagt sie im Inforadio.

Die 8.000 neuen Pflegestellen, die im Koalitionsvertrag festgeschrieben sind, seien nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein, so Bienstein. "Es gibt ja allein über 13.000 stationäre Einrichtungen und fast 20.000 ambulante Pflegedienste", sagt sie. Der Personalmangel führt aus ihrer Sicht zu großer Frustration bei den Mitarbeitern: "Die Kollegen gehen mit einem Gefühl nach Hause, völlig unzureichend gearbeitet zu haben, weil sie den Bedarfen der Bewohner und Patienten gar nicht Rechnung tragen konnten."

Ein Problem sei auch, dass die Pflege immer noch ein "Ekel-Thema" sei, "weil viele Menschen damit natürlich Siechtum und Endstadium verbinden." Deswegen werde das Thema oft verdrängt und viele Menschen würden sich nicht um die Vorsorge kümmern. "Und Politiker gewinnen damit halt nicht große Lorbeeren", sagt Bienstein.

Ein weiteres Problem sei, dass so viele Pflegedienste in privater Trägerschaft seien. Doch der Staat kann und sollte laut Bienstein Regeln aufstellen, um eine gute Pflege zu gewährleisten. Außerdem müssten mehr Pflegekräfte mobilisiert werden, um für ihre Interessen zu kämpfen - und ihr Ziel sei es, jungen Leuten die Vielseitigkeit des Berufs zu vermitteln. Denn Pflege heiße nicht immer, sich um alte Leute zu kümmern.

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