Nach einem Anschlag: Teilnehmer einer Beerdigung in Kabul
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- "Das Schicksal hat eine Wette gegen Afghanistan abgeschlossen"

Schreckliche Anschläge erschütterten Afghanistan in den letzten Tagen und Wochen. Mal wurde die Hilfsorganisation "Save the Children" angegriffen, mal ein von vielen Ausländern besuchtes Hotel. Ende Januar fielen mitten in der Haupstadt Kabul über hundert Menschen einem Sprengstoffanschlag zum Opfer. Dort leitet seit einem Jahr der Deutsche Mirco Günther die örtliche Dependence der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seine Kollegen und er leisten politische Bildungsarbeit und bauen die Zivilgesellschaft auf. Ruth Kirchner sprach mit ihm über den Sinn dieser Aufgabe angesichts zunehmender Gewalt in Afghanistan.

"Was wir im Januar in Kabul und in anderen Städten landesweit erlebt haben, ist sicherlich in seiner Dichte und in seiner Intensität eine Entwicklung von einer neuen Qualität", sagt Mirco Günther. Es handele sich umi eine neue Eskalation der Sicherheitslage - aber keine ganz neue. "Insgesamt ist der Trend in der Sicherheitsentwicklung in Afghanistan spätestens seit Ende 2014 deutlich negativ", so Günther: "Afghanistan ist ein Land im Krieg."

Dabei gingen die Taliban immer wahlloser vor. "Die Botschaft scheint zu sein: Wir können jeden treffen, und niemand ist sicher." Man müsse daher anerkennen, dass die oft geäußerte Behauptung, die Taliban hätten primär politische und militärische Ziele, und die zivile Bevölkerung würde gar nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen, falsch sei. "Es gibt über zwanzig Terrororganisationen, die landesweit operieren - und die Sicherheitslage ist landesweit schlecht", sagt Günther.

Afghanistan am Scheideweg

Das Land stehe daher am Scheideweg, so sein Fazit: "Ich hoffe sehr persönlich, dass Afghanistan es irgendwann schafft, aus dieser nimmerendenden Konfliktspirale herauszukommen. Momentan hat man den Eindruck, das Schicksal habe eine Wette gegen Afghanistan abgeschlossen, und es gibt wenig Indikatoren, die da Mut machen."

Vielleicht wäre es da schon ein bisschen trotzig zu sagen: "Aber irgendwann muss jeder Krieg enden. Auch wenn das naiv klingen mag", räumt Mirco Günther ein.

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Dossier - ein Angebot der Landeszentralen für politische Bildung - Sicherheitspolitik in Afghanistan

Nach den Terroranschlägen auf die USA am 11. September 2001 begannen die USA und Verbündete den Internationalen Kampf gegen den Terrorrismus in Afghanistan, um die Taliban-Regierung zu stürzen und Al-Quaida zu bekämpfen. Dem seit nunmehr 16 Jahren andauernden Krieg fielen insgesamt 70.000 Menschen zum Opfer, über zwei Millionen Flüchtlinge sind vor den Gefahren geflohen, und noch immer verlassen viele Menschen das Land. Afghanistan wird beherrscht von Terror  und Korruption. Beinahe täglich kommt es zu neuen Anschläge mit Toten und Verletzten, die bewaffneten Auseinandersetzungen halten an.

Ende 2014 lief das Mandat für die NATO-geführte ISAF-Truppe aus und ein Großteil der ausländischen Kampftruppen wurden mittlerweile abgezogen. Eine verkleinerte NATO-Mission verblieb im Land, um die afghanischen Sicherheitskräfte weiterhin zu unterstützen.

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