ARCHIV: Der Start-up-Gründer Michael Bohmeyer setzt sich für ein monatliches Grundeinkommen ein und ist Initiator der Aktion Mein Grundeinkommen für das er per per Crowdfunding Geld einsammelt, aufgenommen am 13.09.2015 in Köln.
imago/Horst Galuschka
Bild: imago/Horst Galuschka

- Grundeinkommen: Gute Idee oder Ende des Sozialstaats?

Die einen sehen mit ihm eine bessere Gesellschaft kommen, die anderen das Ende des Sozialstaats: die Idee eines Grundeinkommens für alle wird kontrovers diskutiert. Was passiert, wenn Menschen einen Pauschalbetrag in die Hand bekommen ohne etwas dafür tun zu müssen? Dazu gibt es hierzulande kaum Erfahrungswerte - außer dem Experiment eines Berliners, der mit seinem Verein regelmäßig Grundeinkommen von 12.000 Euro für ein Jahr verlost. Franziska Ritter hat mit Michael Bohmeyer darüber gesprochen, welche Erkenntnisse er aus dem Projekt gewonnen hat.

Die Idee eines "bedingungslosen Grundeinkommens" hat er für sich selbst so umgesetzt: Vor zwölf Jahren gründete er eine Internetfirma, aus deren Geschäftsführung er 2013 ausstieg - "weil ich etwas Neues brauchte". Die Firma läuft so gut, dass sie monatlich ziemlich genau Gewinnanteile von 1.000,- Euro abwirft. "Die bekomme ich einfach und muss dafür nicht arbeiten. Ich habe also selbst eine Art Grundeinkommen."

Die Idee, finanziell grundversorgt zu sein und sich um andere Dinge zu kümmern, habe ihm so gut getan und ihn so fasziniert, dass "die Schnapsidee" entstanden sei, daraus ein Konzept zu machen. So entstand die Seite mein-grundeinkommen.de, auf der man sich registrieren und - mit sehr viel Losglück - für ein Jahr lang ein Grundeinkommen von 1.000,- Euro pro Monat gewinnen kann. Eingesammelt wird das Geld per crowdfunding. Immer wenn 12.000 Euro zusammen gekommen sind, entscheidet die Lostrommel, wer das Geld bekommt.

Entscheidend ist, dass - anders als beim Lotto - man kein Geld einzahlen muss, um ein bedingungsloses Grundeinkommen zu gewinnen. Dass die meisten Menschen es trotzdem tun, wertet Bohmeyer als Indiz dafür, dass "die Menschen gar nicht so egoistisch sind wie man immer denkt. Die haben durchaus Lust zu geben und Teil von einer Idee zu sein".  

"Die soziale Hängematte können wir bei uns nicht feststellen"

Allen 140 bisherigen Gewinnern hätten eines gemeinsam: "Alle sagen, dass sie besser schlafen, weil eine tiefe innere Ruhe einsetzt. Egal ob Obdachlose (die wir auch schon dabei hatten), Beamte, Angestellte, Kinder oder Rentner. Alle spüren eine neue Kraft, eine neue Kreativität, und sie führen bessere Beziehungen."

Ihren Job gekündigt hätten nur vier Gewinner. "Alle anderen haben weiter gearbeitet oder studiert. Die soziale Hängematte können wir bei uns nicht feststellen."

Erstaunlicherweise findet Bohmeyer viele Unterstützer in den Chefetagen deutscher Konzerne - und erfährt Kritik aus dem linken Parteienspektrum und von den Gewerkschaften. Deren Argument: Ein Grundeinkommen, das sowohl an Bettler als auch an Millionäre ausgezahlt werde, sei ungerecht. Für Bohmeyer zeugt das von einem "fundamental falschen Verständnis" des Grundeinkommens.

Denn das bedingungslose Grundeinkommen heißt nicht einfach "mehr Geld für alle. Das wäre auch gar nicht finanzierbar. Sondern es ist in jedem Fall eine Umverteilung von oben nach unten, die diese Gesellschaft in jedem Fall braucht, wenn sie nicht zerbrechen will. Aber eben auf einer anderen Grundlage. Denn das sonstige Einkommen wird wie bisher versteuert, sodass ein Spitzenverdiener mehr Steuern einzahlen wird, als er an Grundeinkommen rauskriegt. Das heißt: auch er hat jeden Monat neu die Entscheidung: Welche Art von Leben will ich führen. Auch er ist also als Mensch abgesichert, aber er ist eben als Leistungsträger auch Draufzahler."

Veranstaltungshinweis: Inforadio Forum am Dienstag

Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, wie ein Grundeinkommen aussehen könnte und wie es sich finanzieren ließe, dann kommen Sie Dienstagabend in die Nordischen Botschaften in Berlin Tiergarten!

Ute Holzhey diskutiert dort ab 18 Uhr im Inforadio Forum über das Thema - unter anderem mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller, Marcel Fratscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Michael Bohmeyer, den Sie eben gehört haben. Kommen Sie vorbei und diskutieren Sie mit! Wir freuen uns auf Sie.

Zur Sendungs-Übersicht

Interviewsituation. Symbolbild für die Sendereihe Vis à vis [colourbox]

Vis à vis

Hintergründe, Meinungen und Analysen im Dialog: Hier kommen Menschen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu Wort.