Radsport, Sixdays 2018 im Velodrom in Berlin, Sprint Frauen, Kristina Vogel (Deutschland) jubelt nach dem Rennen, 30.01.18
imago sportfotodienst/Michael Hundt / Matthias Koch
Bild: imago sportfotodienst/Michael Hundt / Matthias Koch

- Kristina Vogel: "Im Sport mag ich einfach nicht teilen"

Sie ist die schnellste Fahrradfahrerin des Planeten: Kristina Vogel aus Erfurt hält unzählige Rekorde im Bahnradsport. Dazu ist sie Europameisterin, Weltmeisterin und Olympiasiegerin. Doch die Sportlerin hat auch die Schattenseiten des Lebens erlebt. Ein schwerer Fahrradunfall im Straßenverkehr kostete sie 2009 fast das Leben. Heute kann sie ihre Triumphe deshalb noch mehr genießen. Jakob Rüger hat Deutschlands erfolgreichste Bahnradsportlerin zum Gespräch getroffen.

Sie hat alles gewonnen, was man gewinnen kann in diesem Sport: Olympiasieg, Welt- und Europameisterschaft. Ist einer dieser Titel besonders emotional behaftet? Jeder Titel habe seine eigene Geschichte, sagt sie und fügt hinzu: Das Krasseste, was sie jemals erlebt habe, sei der Hattrick 2014 gewesen: Dreimal Weltmeisterin - "das haben vor mir noch nicht Viele geschafft".

Denkwürdig war auch ihr Olympiasieg in Rio de Janeiro 2016, als sie den Sattel verlor. Dass sie trotzdem gewann, habe sie "richtig stolz" gemacht: "Wer verliert denn einen Sattel beim Fahrrad fahren? Im ersten Moment habe ich mich geärgert, dann war ich froh nicht zu stürzen, denn bei 65 Sachen den Sattel zu verlieren ist nicht ungefährlich. (...) Das war schon verrückt!"

Den Gewinn der Goldmedaille beschreibt sie als "Moment, in dem man ganz ganz alleine für sich ist." Davor liegen vier "krasse, harte Jahre" mit "totalem Reiseaufwand", in denen man die Nationalmannschaft öfter sehe als die Familie, den Lebensgefährten und die Freunde. "Was da an Schweiß, Tränen, Muskelkater und Verletzungen und Entbehrungen dran hängen... und wenn du dann die Medaille umgehängt kriegst und das Gewicht spürst, dann weißt du: Es hat sich alles bezahlt gemacht".

Erfolg erzeugt Druck

Natürlich erzeugt diese beispiellose Erfolgsserie auch entsprechenden Druck: "Da wartet einfach Jede auf deinen Fehler, und Jede will diejenige sein, die dich zum Fallen gebracht hat. Das macht es mental von Wettkampf zu Wettkampf natürlich unheimlich schwer."

All diese Erfolge hätte es fast nicht gegeben: im Mai 2009 hatte sie einen schweren Unfall beim Straßentraining. Sie lag zwei Tage im Koma und vier Wochen im Krankenhaus. Unfall-Verursacher war ein Wagen der Zivilpolizei; in einem langwierigen Prozess gegen das Land Thüringen klagte sie auf Schadenersatz. "Das war schwierig. Sie wussten, dass sie im Unrecht sind. Und ich wollte ja keine amerika-reife Million Euro haben. (...) Am Ende habe ich mein Schmerzensgeld im Winter 2014 bekommen".

Ihr Geheimrezept: Mentale Stärke

Ihre Motivation, trotz all dieser Erfolge weiter zu machen: "Ich fühle mich manchmal halt extrem getrieben. Privat bin ich überhaupt nicht so, ich verschenke gerne Sachen und teile gerne, habe unheimlich gerne Freunde um mich herum und helfe auch gerne.

Aber im Sport kann ich einfach nicht teilen. Und wenn ich bei einem Weltcup nicht dabei bin und sehe, dass da jemand gewonnen hat, denke ich: Ich hätte das auch gemacht, ich hätte da auch gewinnen können. Die hätte ich geschlagen. Vielleicht ist das mein Geheimrezept: Ich mag nicht teilen. Dann denke ich immer: Da hat jemand meine Medaille!"

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