Gomringer-Gedicht an der Außenfassade der Alice Salomon Hochschule. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
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Draufgehalten, 29.01.2018 - Stadion und Frauen - und ein Bewunderer!

In Berlin soll ein Gedicht an einer Wand der staatlichen Alice-Salomon-Hochschule für Soziale Arbeit und Erziehung übermalt werden. Wie gut, dass es Fußball-Stadien gibt, meint Thomas Kroh in seiner Kolumne "Draufgehalten".

"Alleen - Alleen und Blumen - Blumen - Blumen und Frauen - Alleen - Alleen und Frauen - Alleen und Blumen - Frauen und ein Bewunderer."

Diese Worte stammen von einem Schweizer Lyriker namens Eugen Gomringer, dessen Name und OEuvre mir bis dato unbekannt waren, obwohl er zu den bedeutendsten Autoren deutscher Gegenwartsliteratur zählen soll. Ich hoffe inständig, die in unerreichbaren Sphären wandelnden Geistesgrößen im Land der Dichter und Denker werden Nachsicht walten lassen mit einem schlichten Sportjournalisten-Gemüt.

Wie auch immer: Gomringers Gedicht, verfasst auf Spanisch, schmachtete sechs Jahre lang friedlich vor sich hin, bis der Allgemeine-Studenten-Ausschuss AstA zu der Auffassung gelangte, das Poem erinnere unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt seien.

Mal abgesehen davon, dass ich mich frage, ob ein Mensch auch angenehm an sexuelle Belästigung erinnert werden kann, finde ich es im höchsten Maße befremdlich, dass ausgerechnet eine Alma Mater, die vom Recht der Kunst- und Wissensfreiheit jeden erdenklichen Vorteil genießt, eine Schöpfung, die diesem Recht entsprungen ist, übermalen lassen will.

Da lobe ich mir die Fußball-Stadien, in denen sich von des Tages Müh und Last gestresste Zeitgenossen entschlacken können, ohne Überbau-Diskussionen fürchten zu müssen, weil nicht jedes Wort auf die Goldwaage Politischer Korrektheit gelegt wird. In Fußball-Stadien werden Anhänger des Gegners immer noch als männliche Nachkommenschaft von Damen des Horizontalen Gewerbes beleidigt, oder als Angehörige des arbeitsscheuen Teils der Bevölkerung beschimpft, die vorzugsweise unter Brücken nächtigen. Und im Asi-Toaster gebräunte Torhüter in pinkfarbenen Trikots werden als "Schönste Frau" der Welt gepriesen.

In meinen wildesten Träumen mag ich mir nicht vorstellen, was die Wartenden am Bratwurststand mit einem "Indoktrinator" des Ministeriums für Volkserziehung anstellen würden, der für jeden dritten Spieltag einen "Veggie-Day" postulierte.

Was hingegen die sexuelle Belästigung von Frauen betrifft, da dürfen Grapscher und andere Widerlinge in einem Fußball-Stadion nicht auf ein Kartell des Schweigens vertrauen, wie es offensichtlich jahrzehntelang in der Kunst-Szene existierte. Wer etwa glaubt, in der Enge einer Stehplatz-Tribüne sei die Gelegenheit günstig, der Nebenfrau ans Heck zu tatschen, der bekommt eine Ladung Bier in die schmierige Fresse und selbige anschließend auch noch poliert - und zwar nach allen Regeln der Kunst.
 
Stadion und Frauen - Frauen und ein Bewunderer!

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