Mesut Özil
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Draufgehalten, 30.07.2018 - Haben wir keine anderen Probleme?

Seit einer Woche reden sich die Deutschen die Köpfe heiß - wegen der Erklärung, mit der Fußball-Weltmeister Mesut Özil seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalelf begründet hat. Thomas Kroh stellt sich deshalb in seiner Kolumne "Draufgehalten" die Frage: Geht's noch?

Alle irre, alle wahnsinnig! Liegt vielleicht an der Hitze. Ich hoffe es, fürchte aber, dass dieses gesamtgesellschaftliche Delirium eine andere Ursache hat. - Wobei, alle zwitschern denn doch nicht mit: Von der dritten Vize-Vorsitzenden des Freundeskreises Perserkatzen e.V. Emscher-Lippe-Datteln-West habe ich noch keinen Kommentar zum Thema "Ein Mesut bringt immer seine Leistung!" gelesen.

Ja, die wortkarge Schalker Schaluppe hat den DFB-Grindel-Boss - nee, den DFB-Boss Grindel so rum - also den Grindel-Gnom vom DFB einen Rassisten geschimpft. Und ihre Gespreiztheit hat gesagt, nöö bin ich nicht, bin kein Rassist. Und daran arbeitet sich nun ganz Teutonien seit einer Woche ab - von allwissenden Politikern wie dem Grünen-Chef Habeck, der seine Magisterarbeit über Gedichte von Casimir Ulrich Karl Boehlendorff schrieb, bis hin zu Vorbestraften wie Bayern-Kini Uli Hoeneß.

Und inzwischen ist auch egal, ob Özil, der bislang nicht als Feuilletonist oder Verfasser philosophischer Traktate in Erscheinung getreten ist, und das Wort reflektieren in der ersten Zeile seiner Erklärung wohl ausschließlich mit dem Rücklicht eines Fahrrades in Verbindung bringen dürfte, ob dieser Özil das Rücktritts-Pamphlet selbst verfasst hat oder einer seiner Berater.  

Denn eine aktuelle Studie besagt, dass immer mehr Deutsche mit osmanischen Vorfahren sich sehr stark mit der Türkei verbunden fühlen. Da schwant dem wehrunfähigen, postheroischen Bio-Germanen Ungemach in Form von bürgerkriegsähnlichen Unruhen - ausgelöst durch Mesuts Twitter-Dreiteiler als Fanal für die Revanche dessen, was 1683 vor Wien schief gelaufen ist.

Ja, haben die denn alle einen Ball zu viel an die Omme bekommen? Als ob es in diesem Land keine echten Probleme gäbe.

In den Großstädten suchen Menschen verzweifelt bezahlbare Wohnungen, es fehlt an Lehrern und Kindergartenplätzen, vor den Toren der Hauptstadt steht ein Potemkinsches Dorf von einem Flughafen, mit dem wir uns vor aller Welt lächerlich machen, bei der Bundeswehr kommen die Flugzeuge nicht hoch und die Panzer nicht voran; was unsere Nachbarn sicherlich beruhigt, aber auch nicht im Sinne des Erfinders ist.

Die Polizei fahndet nach rund 300-tausend Menschen, die festgenommen werden sollen - Straftäter, entfleuchte Strafgefangene und Ausländer, die Deutschland  verlassen müssen. Autokonzerne betrügen in größtmöglichem Stil. In der Altenpflege droht der Notstand, tausende Brücken sind marode, internettechnisch sind wir Tertiär und Juden trauen sich nicht mehr mit Kippa auf die Straßen.

Aber Deutschland streitet seit einer Woche über die Rücktritts-Erklärung eines Fußballers. Da kannst Du nur noch volle Lotte gegen einen Pfosten rennen, so irre ist das!