Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler
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Draufgehalten | 29.10.2018 - Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Ein viertel Jahrhundert war die Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler als Stasi-Spitzel gebrandmarkt. Zu Unrecht, wie jetzt ein Gutachten belegt. Dieser Fall hat Thomas Kroh in seiner Kolumne Draufgehalten zu der Frage veranlasst: Was stimmt mit uns Deutschen nicht?

Wir Deutschen müssen ja immer alles gründlich machen: Wenn wir Kriege führen, dann müssen es schon Weltkriege sein. Wenn wir Autos zusammenschräubeln, dann darf es im gesamten Universum keine besseren geben. Und wenn wir Stasi-Spitzel jagen, dann so lange und unversöhnlich, bis wir sicher sein können, dass auch das letzte von Mielkes Lauschohren gestorben sein muss.

Nur, Heike Drechsler hat niemals für Horch und Guck spioniert. Aber obwohl sie dies all die Jahre immer und immer wieder beteuert hatte, stand bei Wikipedia, die weltberühmte DDR-Leichtathletin sei als IM Jump Schild und Schwert der Partei gewesen. Wie muss sich ein Mensch fühlen, der 25 Jahre lang fälschlicherweise am Pranger steht?

Heike Drechsler hat in der DDR als Teenager für 500 DM aus Jux mit Jump unterschrieben. Daraus wurde ihr dann der Strick gedreht, ohne dass irgendein Beweis für eine Spitzeltätigkeit vorgelegen hätte.

Ich durfte in der DDR nicht studieren, weil der Professor in Leipzig der Meinung war, ich würde kein guter Parteijournalist werden, womit er zweifellos Recht hatte. Und meine damalige Freundin durfte nicht mit der Nationalmannschaft zur Europameisterschaft in die BRD fahren, weil sie der Stasi keine Unterschrift sondern einen Korb gegeben hatte. Trotz dieser Erfahrungen fällt es mir leicht, Heike Drechsler ihre unbeschreibliche Naivität nachzusehen.

Aber Verzeihen können scheint mir eine Charaktereigenschaft zu sein, die vielen Deutschen abgeht. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass sich dieses Volk nur all zu gern von Ideologen jeglicher Coleur verführen lässt. Und nach jeder Wende wird gnadenlos mit den Andersdenkenden abgerechnet.

Eben noch rechten oder linken Führern blind hinterher gerannt, spielt es im nächsten Augenblick Demokratie bis zur Selbstverleugnung. Nehmen Sie Freiburgs Oberbürgermeister Horn, der nach einer Gruppen-Vergewaltigung durch sieben syrische Asylbewerber doch allen Ernstes erklärt, es dürfe für solche Straftaten keine Toleranz geben. Na Gott sei Dank, ich dachte kurz, solche Taten seien inzwischen erlaubt.

Oder die Stickoxid-Messungen, die in einigen Städten offenbar auf vorschriftswidrige Weise vorgenommen werden. Ausgerechnet vier Bundesländer, in denen die Grünen mitregieren, wollen diesen Vorwurf nicht überprüfen lassen, obwohl die Sache Millionen Menschen betrifft und Deutschlands wichtigste Industrie gefährdet. Darf ich hier einen ideologischen Vorbehalt unterstellen? Ich denke ja!

Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Dieser Leitsatz hat in diesem Land schon so oft Unrecht hervorgebracht. Der Fall Heike Drechsler ist dafür ein weiteres Beispiel!

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Hertha BSC - Olympiastadion (Bild: dpa)
dpa

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