Vierschanzentournee am 06.01.2018 in Bischofshofen. Kamil Stoch (l) aus Polen wird nach seinem Sprung im zweiten Durchgang von Sven Hannawald gefeiert.
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- Sport statt Gaudi!

Die Vierschanzen-Tournee ist mit dem triumphalen Erfolg des Polen Kamil Stoch zu Ende gegangen. Zehntausende Zuschauer in den Ski-Stadien und Millionen vor den Fernsehgeräten verfolgten gebannt das Spektakel. Inforadio-Kolumnist Thomas Kroh jedoch nimmt Stochs vier Siege achselzuckend zur Kenntnis und fragt sich deshalb in seiner Kolumne "Draufgehalten", ob mit ihm noch alles in Ordnung ist.

Jetzt ist es soweit! Jetzt gehöre auch ich zu den Waldorfs und Statlers dieser Welt, die den lieben langen Tag im Theater des Lebens zeternd in der Geronten-Loge hocken und der guten, alten Zeit hinterhertrauern, in der noch "richtiger" Sport geboten wurde.

An jenem 3. Januar 1977 etwa, an dem Jochen Danneberg am Berg-Isel auf dem Weg zum dritten Gesamtsieg bei der Tournee in Folge schwer stürzt und in Westgips verspachtelt nach Ost-Berlin zurückgeflogen wird. Ach, und Hans-Georg Aschenbach, der spätere Republik-Flüchtling mit der geringelten Pudelmütze, der ein Jahr zuvor ebenfalls am Berg-Isel auf dem goldenen Olympia-Thron landet.

Dann der Innauer Toni, der alte Stänkerfritze und Spielverderber aus Österreich, in den Achtzigern das Giganten-Duell der Mückerlinge: Weißflog gegen Nykänen. Und schließlich Janne Ahonen, der Schweiger aus Lahti, den es in Planica bei 240 Metern rücklings in den Schnee haut, nicht zuletzt deshalb, weil er am Abend vor dem Skifliegen mit Kumpel Risto Jussilainen 24 Dosen Bier gebechert hat, und mit 3,5 Umdrehungen Restalkohol im Turm auf den Riesenbacken getorkelt ist. Ja, das waren noch Zeiten!

Und heute? Heute da dingelt und döngelt es während einer Übertragung aus dem Fernseher, dass einem die Ohren schallern - und zwar lange bevor der erste Test-Springer die Schanze hinuntertrudelt. Die Stadionsprecher putschen das Publikum auf als handelte es sich um einen Wettstreit wahnsinnig gewordener Ballermann-Animateure.

Überhaupt, kostet es letzte Kraft und Konzentration, um in der Flut von Sportarten nicht unterzugehen: Warum sind die Biathleten jetzt ohne Gewehre unterwegs? Ah nee, das ist ja schon der Skilanglauf. Wieso springt Kamil Stoch mit dreifachen Salto und fünffacher Schraube? Guten Morgen, wir sind beim Freestyle in der Halfpipe. Und Pechstein dreht ne Bielmann-Pirouette? Nein, nein, nein! Das ist Rodel-Olympiasieger Felix Loch auf der Faschingsfeier der Eiskunstläuferinnen.

Verflucht, ich will nicht zu den Waldorfs und Statlers dieser Welt gehören! Aber ich will auch ausschließlich Sport - und zwar richtigen. Wenn mir der Sinn nach Gaudi steht, dann geh ich auf die Wies’n zum Oktoberfest!

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Hertha BSC - Olympiastadion (Bild: dpa)
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