Geselle Daniel Zielke verarbeitet Würste in Handarbeit (Bild: rbb/ Wolf Siebert)
rbb/ Wolf Siebert
Bild: rbb/ Wolf Siebert

- Systemwechsel: Wie kommen wir weg vom Billigfleisch?

Seit vielen Jahren wird in Deutschland darüber diskutiert, das System "Billigfleisch" zu ändern. Kommissionen haben getagt, es gibt Vorschläge und Zeitpläne. Klar ist: Der geplante "Systemwechsel" wird lange dauern und er kann teuer werden. Wer aber zahlt am Ende die Zeche? Reporter Wolf Siebert ist dieser Frage nachgegangen.

In der Fleischerei Staroske in Tiergarten setzt der Fleischergeselle Daniel Zielke die Maschinen zusammen, dreht Fleisch durch und hat den Ofen vorbereitet, in dem Fleischkäse und Kasslerkamm zubereitet werden. Zielke macht fränkische Bratwurst aus vier Kilo Fleisch, die aus einem Wurstfüller in Schafsdarm gepresst werden. "Das ist alles richtig Handarbeit."

Auch die Gewürze werden selbst gemacht - ohne Zusatz von Stabilisatoren und Antioxidationsmitteln, wie sie häufig in Billigwürsten verwendet werden. Bei Staroske wird Fleisch der Marke "Landjuwel" verkauft. Hergestellt von einer bäuerlichen Erzeugergemeinschaft überwiegend aus Niedersachsen, mit eigenem Schlachthof in Perleberg.

Geselle Daniel Zielke bei der Fleischverarbeitung (Bild: rbb/ Wolf Siebert)
Geselle Daniel Zielke bei der Fleischverarbeitung (Bild: rbb/ Wolf Siebert)Bild: rbb/ Wolf Siebert

Kein Bio-Fleisch, aber - so die Eigenwerbung - "nach einheitlichen, hohen und verbindlichen Standards - im Einklang mit der Natur". Während ein Kilo Hackfleisch beim Discounter für 4 Euro 24 zu haben ist, kostet es bei Staroske zwischen 12 Euro 90 und 15 Euro 90. Und das sei es auch wert, sagt Fleischermeister Jörg Staroske. Die Deutschen, die pro Kopf fast 60 Kilo Fleisch im Jahr essen, redeten zwar viel über Tierwohl und Bio, kauften aber lieber billig: "Es fehlt die Wertschätzung und entsprechende Wert, der dahinter steht."

Flesicher Jörg Staroske (Bild: rbb/ Wolf Siebert)
Flesicher Jörg Staroske (Bild: rbb/ Wolf Siebert)Bild: rbb/ Wolf Siebert

Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner kritisiert „Dumping-Preise" der Discounter, die Fleisch wie Ramschware anbieten würden. Deshalb verspricht die CDU-Politikerin Klöckner einen "Systemwechsel".

Eine von ihr eingesetzte Kommission hat dazu ein Konzept geschrieben: Der "Systemwechsel" soll unter anderem durch eine sogenannte "Tierwohlabgabe" auf Fleisch, Milchprodukte und Käse finanziert werden.

Klaus Müller, seit 30 Jahren Mitglied der "Grünen", ist Vorstand beim "Verbraucherzentrale Bundesverband". Die Vorschläge der "Borchert-Kommission" hält er für einen "realistischen Kompromiss", die Fleischsteuer lehnt er aber ab, weil sie das System eher bestätige: "Das klingt auf den ersten Blick irgendwie erstmal gut. Wir aber haben in den vergangenen Monaten in der politischen Diskussion gesehen, dass immer über diese Steuer, über Mehreinnahmen diskutiert wird - aber gar nicht mehr so sehr über Tierschutzstandards. Das macht mich immer ein bisschen skeptisch."

Verbraucherschützer Klaus Müller (Bild: Gert Baumbach)
Verbraucherschützer Klaus Müller (Bild: Gert Baumbach)Bild: Gert Baumbach

Die bestehenden Agrarsubventionen werden nach Ansicht Müllers nicht immer richtig eingesetzt. Deutschland erhält jedes Jahr rund 6,7 Milliarden Euro der Subventionen von der EU. Richtig eingesetzt könne man damit ein verändertes Agrarsystem finanzieren. Und auf die Fleischsteuer verzichten, sagt Klaus Müller. An einen Punkt, der das "Billigfleisch-System" stabilisiert, geht die Borchert-Kommission gar nicht heran: Deutschlands Fleischindustrie ist auf den Export orientiert. Auf dem Weltmarkt überlebt dabei nur der, der im Preiskampf mithalten kann. Billiges Fleisch, aber Tier-, Umwelt- und Arbeitsschutz bleiben häufig auf der Strecke.

Gutes Fleisch, das dennoch für viele bezahlbar bleibt: Geht das überhaupt? Ein holländischer Bauer sagt: Ja, das geht. Das Onlineportal kaufnekuh.de bietet Direktvermarktung ohne Zwischenhändler. Angaben zu Zucht, Transport und Schlachtung und die Bestellung - das alles gibt es dort per Mausklick. Laura Bartels, die die Idee vermarktet, erklärt, mit diesem Konzept kaufe der Kunde einen Teil der Kuh in Paketform. Das Tier werde dabei von der Schnauze bis zum Schwanz verarbeitet.

Der versprochene "Systemwechsel" im Agrarbereich ist eine Mammutaufgabe, angesichts der vielen Akteure und Interessen. Und deshalb hat Klöckner eine weitere Kommission eingesetzt. Sie soll "praxistaugliche Empfehlungen" machen, die "gesellschaftlichen Konsens" ermöglichen. Und die Frage beantworten: Wie billig darf unser Fleisch künftig sein?