Leere Sitzreihen in eine Hörsaal
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- Wenn das Winter- zum Hybridsemester wird

Für eine Viertelmillion Studierende in Berlin und Brandenburg beginnt im Herbst das Wintersemester unter Corona-Bedingungen. Nachdem die Hochschulen im Sommer viel improvisieren mussten, planen sie nun ein sogenanntes Hybridsemester. Die Seminare und Vorlesungen sollen vor Ort und online stattfinden. Wie das funktionieren soll? Lena Petersen ist der Frage nachgegangen.

Gabriel Tiedje hat auch in Pandemiezeiten seinen Elan nicht verloren. An der TU Berlin studiert der 29-Jährige Wissenschafts- und Technikgeschichte. Tiedje setzt sich zudem im Krisenstab der Technischen Universität für die Belange der Studierenden ein: "Es hilft, dass man Probleme rechtzeitig mitbekommt", sagt Tiedje zu seiner Arbeit. Der Krisenstab berät, die Chefetage entscheidet. Und am Ende werden Fristen verschoben, Raumpläne geschrieben und Hygienekonzepte entwickelt. Dies passiert gerade an allen Hochschulen in Berlin.

Allein die TU Berlin zählt 35.000 Studierende, die auch in Pandemie-Zeiten etwas lernen wollen. Wer aktuell ins Hauptgebäude an der Straße des 17. Juni will, der muss sich beim Pförtner eintragen. Rote Absperrbänder weisen dort den Weg. Vize-Präsident Hans-Ulrich Heiß muss mitverantworten, dass alles in seiner Hochschule Corona-konform ablaufe. Der größte Saal in der TU, das Audimax, könne nur eingeschränkt genutzt werden. Statt einer Kapazität von 1100 könne man aktuell nur 100 Studierende in den Saal lassen, so Heiß.

Veranstaltungen der TU zu 90 Prozent online

 

Ohnehin finden mittlerweile zu 90 Prozent die Veranstaltungen der TU online statt. Technisch wurde aufgerüstet, damit die Vorlesungen gestreamt werden können, auch für Studierende, die zum Beispiel im Ausland festsäßen, erklärt Hans-Ulrich Heiß: "In Präsenz werden nur die kleineren Veranstaltungen stattfinden können."

In die Uni sollen ab Ende November vor allem die Studienanfänger kommen. Sie sollen dadurch leichter Anschluss finden. Das gelte an allen Unis in Berlin und Brandenburg. An der TU werde beispielsweise eine verpflichtende Lehrveranstaltung in Präsenz für die Erstsemestler durchgeführt.

 

Gabriel Tiedje vom AStA der TU
Gabriel Tiedje vom AStA der TU BerlinBild: rbb/Petersen


Auch die Universität der Künste (UdK) möchte im Wintersemester laut UdK-Präsident Norbert Palz wieder mehr Präsenz-Betrieb anbieten. Gesang, Schauspiel, Musik, Tanz – an allen Standorten, wo es kreativ zugehe, müssten die Studierenden aber auf Hygiene achten. "Wir haben vor, für jeden Raum eine individuelle Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen", sagt Palz.

Ganze Klassen in Quarantäne - davon könne man ausgehen

 

Die UdK brauche aber für ihren Betrieb mehr Platz. Man habe verschiedene Kulturbetriebe und Hotels angeschrieben, ob man Räume nutzen könne. Der UdK-Präsident sei zudem auf das Schlimmste vorbereitet. Man habe zwar noch nicht den Fall gehabt, er gehe aber davon aus, dass er im Wintersemester ganze Klassen in Quarantäne schicken werden müsse.

Die Studenten spüren schon jetzt die Veränderungen. Sie müssen Masken tragen, regelmäßig die Hände waschen und Experimente müssten abgesagt werden, vor allem in den Laboren, da hier die Mindestabstände nicht eingehalten werden können.

Das Defizit schultert der akademische Mittelbau

 

Ein großes Problem für die Unis sind die Bibliotheken. Dort müsse man zahlenmäßige Kapazitäten für Arbeitsplätze schaffen. Diese werden aber bei weitem nicht für alle Studierende reichen. Dazu müssten viele Kurse in kleinen Gruppen stattfinden, was eine Wiederholung dieser nach sich ziehen werde. Es gebe aber nicht mehr Dozierende.

Wer das Defizit schultert? Der akademische Mittelbau, beklagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schon jetzt. Die zusätzliche Lehre gehe auf Kosten der Forschung und somit der akademischen Karrieren jedes einzelnen Dozenten.

Appell: Kein Heile-Welt-Bild kreieren!

 

Die Befürchtung, dass mehr Leute in den Hybridsemstern ihr Studium abbrechen werden, teilt auch TU-Student Gabriel Tiedje. Sein Appell: Man müsse ehrlich die Nachteile kommunizieren und nicht versuchen, ein Heile-Welt-Bild zu kreieren.