Symbolbbild: Depression junger Mann (Bild: Colourbox/ Teodor Lazarev)
Colourbox/ Teodor Lazarev
Bild: Colourbox/ Teodor Lazarev

- Depressionen in der Corona-Krise

Rund fünf Millionen Deutsche haben eine depressive Störung - manche gehen damit offen um, andere verschweigen sie. Durch Kontaktsperren und Reiseverbote in der Corona-Krise hat sich das Leben von depressiv erkrankten Menschen drastisch verändert. Inforadio-Reporter Wolf Siebert hat mit einer Betroffenen gesprochen.

Sarah ist 31 Jahre alt und lebt in Süddeutschland. Sarah ist nicht ihr richtiger Name, denn sie hat darum gebeten, ihre Identität zu schützen. So kann sie freier über ihre Krankheit sprechen und wie der Shutdown ihr Leben verändert hat.

Depressionen, sagt sie, fühlen sich bei jedem anders an. Sarah hatte beispielsweise aufgrund der Depressionen körperliche Beschwerden, wie Blockaden im Nacken und Schmerzen. Zunächst brachte sie das nicht mit ihren seelischen Problemen in Verbindung. Dabei wurden die immer schlimmer.

Anfang März begann Sarah dann eine Therapie in einer Tagesklinik, acht Wochen sollte sie dort bleiben. Aber dann kam der Corona-Shutdown. Sarah hatte das Gefühl, mit ihrer Krankheit von der Politik gar nicht "gesehen" zu werden, weil sie nicht zur "Risikogruppe" gehörte.

Therapie gibt es derzeit nur online

Jede vierte Frau und jeder achte Mann in Deutschland hat im Laufe des Lebens eine Depression. Auch Kinder und Jugendliche sind betroffen. Mit den Jahren ist in Deutschland ein breites Hilfenetz aufgespannt worden von dem auch Sarah profitiert: Die Tagesklinik empfahl ihr das Online-Programm "ifightDepression", um den Shutdown besser zu überstehen. 10.000 Menschen haben sich dort angemeldet, lernen am Computer den eigenständigen Umgang mit den Symptomen ihrer Depressionen - in Corona-Zeiten geht das auch ohne Begleitung durch einen Therapeuten. "ifightDepression" bietet Übungen, um den Schlaf zu verbessern oder um negative Gedankenspiralen zu durchbrechen. Täglich nimmt sich Sarah nun eine halbe Stunde Zeit, um über sich, ihr Leben, ihren Rhythmus und über ihre Gefühle nachzudenken. Das Online-Programm habe sie weitergebracht, sagt sie.

Hilfe bei Depressionen in der Corona-Krise

Sie fühlen sich momentan nicht gut, innerlich leer oder traurig? Die Deutsche Depressionshilfe bietet auf Ihrer Webseite www.deutsche-depressionshilfe.de Informationen und Hilfe an. Sie erreichen die Deutsche Depressionshilfe kostenfrei unter der Telefonnummer 0800 33 44 533.

Ebenso kann der Berliner Krisendienst helfen, wenn Sie sich derzeit nicht gut fühlen. Unter www.berliner-krisendienst.de sind Telefonnummern für die Berliner Bezirke zu finden. Die Beratung ist kostenlos und auf Wunsch anonym.

Der Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen hat außerdem derzeit täglich von 8 bis 20 Uhr Zeit für ein Gespräch unter der Nummer 0800 777 22 44.

Auch die Telefonseelsorge Berlin ist gebührenfrei und anonym per Telefon unter der Nummer 0800 111 0 111 zu erreichen.

Videogespräche als niedrigschwelliges Angebot


In Leipzig arbeitet Psychiater Daniel Zeidler nicht online sondern onscreen. Mit Videosprechstunden versucht der niedergelassene Therapeut, den Kontakt zu seinen Klienten zu halten. Als Facharzt für Psychiatrie hat er lange in Krankenhäusern gearbeitet und hat nun eine eigene Praxis. Zeidler hält die Videosprechstunde für ein gutes Instrument, nur rund 25 Prozent seiner Klienten hätten diese Form der Therapie abgelehnt. Eine Chance sei die Videosprechstunde zudem als niedrigschwelliges Angebot für Menschen mit Angststörungen, die kaum noch die Wohnung verlassen würden. Die ungewöhnlichen technischen Umstände seien dabei schnell vergessen.


Kontaktabbruch als Risiko für depressiv Erkrankte


Mitte März hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel der Bevölkerung in einer Fernsehansprache gesagt: Die Corona-Lage sei ernst, die Konsequenz sei der Shutdown. Wie sieht nun, da die Einschränkungen wieder gelockert werden, die Zwischenbilanz aus?
Sarah ist hin- und hergerissen. Einerseits war ihr das Online-Programm "ifightDepression" eine Stütze, hat ihr geholfen, sich und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen. Bei der Online-Arbeit fehlte ihr aber das Feedback, das Gegenüber.

Therapeut Daniel Zeidler aus Leipzig glaubt, dass die ambulante Hilfe für Menschen mit Depressionen im Großen und Ganzen funktioniert hat. Widerspruch kommt von der "Deutschen Depressionshilfe". Als der Shutdown begann, hatte die unabhängige gemeinnützige Stiftung gewarnt: Durch den Abbruch von Kontakten könnte sich der Zustand von Depressionskranken verschlechtern, auch steigende Suizidzahlen seien zu befürchten, so Psychiater Ulrich Hegerl, der Vorsitzende der Stiftung.


Bedürfnisse chronisch Kranker in der Pandemie vernachlässigt


Hegerl wünscht sich eine öffentliche Debatte darüber, ob der Kurs richtig war, das gesamte Gesundheitssystem auf das Ziel auszurichten, die Corona-Infektionszahlen einzudämmen. Dadurch seien andere Patientengruppen benachteiligt worden.

Ob sich in den letzten Corona-Wochen tatsächlich mehr Menschen mit Depressionen das Leben genommen haben, kann im Moment niemand sagen. Die aktuellen Suizid-Zahlen für Deutschland liegen noch nicht vor. Der renommierte Berliner Pathologe Michael Tsokos hatte vor kurzem festgestellt, dass es zumindest eine neue Art von "Suizid-Motiv" gebe, nämlich dass Menschen aus Angst vor dem Corona-Tod den Freitod als Ausweg wählten.


Medienkonsum als Depressionen-Trigger


Auch Sarah in Süddeutschland haben die täglichen Meldungen über steigende Infektionszahlen in Panik versetzt. Deshalb hat sie auf Anraten ihrer Psychologin nun ihren Medienkonsum drastisch reduziert.

Um die langfristigen Auswirkungen von Corona auf Körper und Seele besser zu verstehen, haben Forschende aus über 40 Ländern eine Studie gestartet, unter Leitung der Berliner Charité und der Universität Padua. Mehr als 100.000 Menschen sollen befragt werden - anonym und online.