ARCHIV - ILLUSTRATION - 23.01.2014 Eine Pflegekraft hält in einem Seniorenheim die Hand einer Bewohnerin. Foto: Daniel Reinhardt/dpa
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- Pflege aus dem Ausland: Teil deutscher Geschichte?

In vielen deutschen Kliniken und Altenheimen herrscht Pflegenotstand. Deswegen kommt immer mehr Pflegepersonal aus dem Ausland. Marie Asmussen hat ausländische Krankenschwestern im deutschen Alltag begleitet.

Aurea Corazon Padua ist Krankenschwester in Berlin. Die 30-Jährige arbeitet im Krankenhaus des Evangelischen Geriatriezentrums in Berlin-Wedding. Im Januar 2019 ist sie aus der philippinischen Hauptstadt Manila nach Deutschland gekommen. In ihrer Heimat hatte sie vier Jahre lang studiert, mit einem Pflegediplom abgeschlossen und dann im Krankenhaus als medizinische Fachkraft gearbeitet.

Mehr als nur medizinische Pflege

 

"Bei uns machen die Verwandten die Grundpflege", erzählt Padua mit Hinblick auf ihre Heimat. Als Altenpflegerin hätte sie dort nur medizinische Kontrollen durchgeführt. In Deutschland ist das anders, hier muss sie die Patienten waschen, ihnen auch emotionale Zuwendung geben. Denn viele kriegen nur am Wochenende Besuch von ihren Verwandten. Für hoch qualifizierte Pflegekräfte aus dem Ausland kann das ein echter Kulturschock sein.

Zu den Patienten der Philippinerin gehört auch Barbara Krakat. Wegen einer Krebserkrankung hat die Patientin eine Odyssee durch verschiedene Berliner Kliniken hinter sich. Ausländische Pflegekräfte sind für sie keine Überraschung mehr: "Es kommen immer mehr", sagt Krakat. "Aber es geht auch nicht anders, man ist auf die Damen und Herren angewiesen."

Patienten nicht immer offen für neue Pflegekräfte

 

In der geriatrischen Klinik, in der Krakat versorgt wird, ist Elvira Haynes die Pflegedirektorin. Sie hat selbst viele Jahre als Krankenschwester gearbeitet, weiß also aus eigener Erfahrung, was Personalmangel im Alltag bedeutet. In ihrer Klinik fehlte Personal – viel Personal.

Im Januar 2019 ist daher die erste Gruppe Krankenschwestern von den Philippinen gekommen. In der Weddinger Klinik arbeiten - neben dem deutschen und philippinischen Personal - auch Menschen aus der Türkei, aus Syrien, Russland, Polen und aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Ohne sie wären die vorgeschriebenen Personaluntergrenzen nicht einzuhalten. Nicht alle Patienten wüssten das zu schätzen, sagt Elvira Haynes. Manche würden sich diesen Mitarbeitern gegenüber respektlos und ablehnend verhalten. Teilweise müsste das Pflegepersonal bei rassistischen Anfeindungen eingreifen.

Personal aus Südkorea

 

Personalmangel in der Pflege ist in Deutschland nichts Neues. In den sechziger und siebziger Jahren schon wurden mehr als zehntausend Krankenschwestern aus Südkorea in die Bundesrepublik geholt. Eine von ihnen ist Youngok Kim-Helterhof. Als sie nach Deutschland kam, sprach sie kein Wort Deutsch. "Wir konnten nur 'Guten Tag', mehr nicht", erinnert sie sich. Manche Kräfte wurden zuvor für ein paar Wochen geschult, andere wurden direkt eingesetzt – ein Fehler, wie Kim-Helterhof heute sagt. "Es gab viel Missverständnisse und Trauer."

In Südkorea herrschte zu der Zeit bittere Armut. Die jungen Frauen wollten da raus, eine neue Perspektive für sich, ähnlich wie die philippinischen Krankenschwestern heute.

Aber sie sind besser dran, meint Youngok Kim-Helterhof. Im Gegensatz zu damals könne man sich heute im Internet schon von zu Hause aus über Deutschland informieren und durch Facebook oder Whatsapp engen Kontakt halten mit Eltern, Geschwistern und Freunden in der Heimat. "Für uns war es damals wie eine Mondlandung, Telefonieren und Kontakt zu der Familie war unheimlich schwierig", erinnert sie sich.

Ausländisches Personal für Arbeit, die Deutsche nicht machen wollen?

 

Die 67-Jährige bereut es nicht, dass sie 1972 nach Deutschland gekommen ist. Aber sie findet es nicht in Ordnung, dass man Menschen aus armen Ländern holt für Jobs, die hier kaum jemand machen will.

Darf man wegen des Pflegenotstands hierzulande ärmeren Ländern Krankenschwestern wegnehmen, die auch dort gebraucht werden? Diese Frage hat man im evangelischen Geriatriezentrum der Johannesstift Diakonie diskutiert, sagt die Pflegedirektorin des Hauses, Elvira Haynes. Weil die philippinische Regierung Pflegerinnen und Pfleger über den eigenen Bedarf hinaus ausbilden lässt, hätte man sich schließlich entschieden, dort Personal zu rekrutieren.

Inzwischen arbeiten in der geriatrischen Klinik in Berlin-Wedding 27 philippinische Fachkräfte. Pflegenotstand ist hier kein Thema mehr.