Archiv: Schimpanse im Zoologischen Garten Berlin 1964 (Bild: imago images)
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- 175 Jahre Zoologischer Garten Berlin

Zwei alte Lamas, fünf Bären, einiges Geflügel vor den Toren der Stadt: Damit begann die Geschichte des Berliner Zoos am 1. August 1844. Heute leben von A wie Ameisenbären bis Z wie Zwergflusspferd rund 20.000 Tiere im Berliner Zoo mitten in der Stadt. Es ist Deutschlands ältester Zoologischer Garten und versteht sich als Bildungsstätte, Freizeitattraktion und Forschungslabor in einem. Ein Streifzug durch Geschichte und Gehege mit Susanne Gugel und Thorsten Gabriel.

Drei Millionen Besucher kamen 2018 in den Zoo mitten in der Stadt. Vor 175 Jahren war das noch anders. Als der Zoo am 1. August 1844 öffnet, liegt er nicht wie heute in der City West, sondern vor der Stadt, die damals noch am Brandenburger Tor endet. Es ist der damalige Direktor des Zoologischen Museums, heute: Naturkundemuseum, Martin Hinrich Lichtenstein, der Friedrich Wilhelm IV. von der Idee eines Zoos überzeugt.

Der Historiker Clemens Maier-Wolthausen arbeitet im Auftrag des Zoos die Geschichte auf - eine Geschichte, die eng mit der Stadt verwoben ist. Als Berlin zur Hauptstadt Preußens avanciert, profitiert davon auch der Zoo. Das neue Bürgertum hat Geld für Zoo-Aktien und Lust auf einen Zoo-Besuch und macht ihn zum artenreichsten Zoo Deutschlands und später der Welt.

Im Gehege: Tiere und Menschen
Es ist aber auch die Zeit der Kolonialisierung. Und so stellen Europas Zoos nicht nur Tiere aus - sondern auch Menschen. Für die sogenannten Völkerschauen werden sie mit den wild gefangenen Tieren gleich mit aus den Kolonien herangeschafft, von Unternehmern wie dem Tierhändler Carl Hagenbeck. Etwa 25 solcher Schauen gab es auch in Berlin. Noch bis 1930 finden diese Völkerschauen statt.

Der Zoo in der Zeit des Nationalsozialismus
Zwei Jahre später wird ein Mann Zoo-Direktor, der für ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Gartens steht: Lutz Heck. Schon 1933 wird er Fördermitglied in der SS, später tritt er in die NSDAP ein. Im Zoo des Lutz Heck wird die Bedeutung von Affen und Zebras politisch neu vermessen. Aus Zoologie wird Ideologie.

Im Zoo-Aufsichtsrat geraten die jüdischen Mitglieder zunehmend unter Druck und sehen sich zum Austritt gezwungen. Die Zoo-Aktiengesellschaft ist binnen weniger Jahre auf nationalsozialistischen Kurs getrimmt. 1939 hängt dann ein Schild am Zoo, das Juden den Zutritt verbietet.

Und dann kommt der Krieg.

Im Herbst 1943 legen die Luftangriffe auf Berlin den Zoo in Schutt und Asche. In den letzten Kriegstagen wird auch im Zoo selbst gekämpft. Es ist die Zoologin und Verhaltensforscherin Katharina Heinroth, Witwe des früheren Berliner Aquarium-Direktors Oskar Heinroth, die den Zoo aus den Kriegstrümmern rettet – unterstützt von den Berlinern.

Tierische Politik in Ost und West
Tiere gehen immer - und Knautschke, das Flusspferd gehört zur Stadt wie die Currywurst. Heinroths Amtsnachfolger Heinz-Georg Klös erzählt gerne die Geschichte vom Berliner Flusspferdkind Knautschke, das wie durch ein Wunder den Krieg überlebt. Doch der Historiker Clemens Maier-Wolthausen hat nun Überraschendes recherchiert: Knautschke war in Wirklichkeit wohl ein Bayer.

Doch was zählt das schon, wenn die Geschichte doch so berührend ist? Knautschke bleibt über seinen Tod 1988 hinaus für viele mehr als einfach ein Flusspferd. Auch der Zoo ist so manches Mal mehr als einfach nur ein Zoo. Mit ihm wird in den 50er Jahren Politik gemacht. Der moderne Zoo ist eine klare Ansage in Richtung Ost-Berlin, wo es seit kurzem Konkurrenz gibt. 1955 hat in Friedrichsfelde der weitläufige Tierpark eröffnet.

Auch wenn beide Einrichtungen ihre Erfolge feiern, bleibt das Verhältnis von Tierpark-Chef Heinrich Dathe und Zoo-Direktor Heinz-Georg Klös angespannt, menschlich wie politisch. Als schließlich die Mauer fällt, wächst zwischen Ost-Gehegen und West-Käfigen nicht so einfach zusammen, was zusammengehört.

Ein Eisbär erobert Berlin
Zur ersten gesamtberliner Ikone wird 2007 dann ein kleiner Bär. Die Geschichte von Eisbär Knut, der von seinem Pfleger aufgezogen wird, geht um die Welt und beschert dem damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ein Patentier, mit dem sich vom Gehege aus Welt-Politik für das Klima machen lässt.

Seit fünf Jahren steht der promovierte Tierarzt Andreas Knieriem an der Spitze von Zoo und Tierpark. Als er das Amt 2014 von seinem zuletzt vielfach kritisierten Vorgänger Bernhard Blaszkiewitz übernommen hat, lag vieles im Argen. Knieriem will mehr Abwechslung, mehr Erlebnis für Mensch und Tier. Anlagen wie das Raubtierhaus werden modernisiert, der Tierbestand verkleinert.

Akzeptanz für gefangene Tiere sinkt
Doch Zoos verändern sich stark – hinter dieser Aussage steht auch der Anthropologe und Wildtierbiologe Volker Sommer vom London University College. Seit 25 Jahren beschäftigt er sich dort auch mit Zoos. Bei der Frage nach ihrer Zukunft zieht er die Parallele zu Zirkussen. Früher war es selbstverständlich, dort Wildtiere zu zeigen, heute werde das kaum noch akzeptiert. Für Tierwohl und Tierwürde interessierten sich immer mehr Menschen.  

Der Berliner Zoo-Direktor Andreas Knieriem glaubt hingegen, dass Zoos noch wichtiger werden, je mehr natürliche Lebensräume der Mensch zerstört. Noch ist nicht absehbar, wie sich das Verhältnis von Mensch und Tier entwickeln wird, was das für Zoos in aller Welt bedeutet und damit auch für die Zukunft des Zoos in Berlin.

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