Rockhaus Berlin. (Bild: Theodora Mavropoulos)
Theodora Mavropoulos
Bild: Theodora Mavropoulos

- Drohendes Rockhaus-Aus: Ohne Proberäume keine Bands

Neben einigen großen Namen haben gut 500 Independent-Musiklabels in Berlin ihren Sitz - und in kaum einer anderen Stadt leben so viele Menschen von ihrer Musik. Doch das Angebot könnte sich deutlich ausdünnen, denn wer nicht probt, kann auch nicht auftreten. Berlin hat kaum noch Proberäume und so sorgt nicht nur die drohende Schließung des Lichtenberger Rockhauses für viel Missklang. Theodora Mavropoulos hat sich die Sorgen der Musikerinnen und Musiker angehört.

Unermüdlich lässt Michael Maass die Sticks auf sein Schlagzeug prasseln. Wenn der 55-jährige Berufsmusiker mit dem grau melierten Bart, dunkler Hornbrille und schwarzen Klamotten an seinen Drums sitzt, scheint er alles zu vergessen: Dass er vielleicht bald keinen Proberaum mehr hat und in seiner Heimatstadt Berlin wohl kaum einen neuen finden wird. Im Moment zahlt Maass 170 Euro im Monat für seinen Proberaum im Lichtenberger Rockhaus. Aus den dicht an dicht liegenden Räumen des vierstöckigen Plattenbaus dringt Musik auf die Flure. Vereinzelte bunt beklebte Türen verleihen dem Grau von Fußboden und Wänden etwas Farbe. Maass ist einer der rund eintausend Musikern hier, denen nun gekündigt wurde. Der mehrfach ausgezeichnete Schlagzeuger spielt in unterschiedlichen internationalen Bands.

Musikszene als Wirtschaftsfaktor
Berlin ist mit seinen über 250 Veranstaltungsorten international bekannt für sein vielfältiges Konzertangebot - gerade auch in der freien Szene. Mehr als 126 Tonstudios, zahlreiche Komponisten und über 77 Konzertveranstalter gibt es hier. Neben Universal Music und BMG Rights Management haben sich viele kleine Labels, Verlage und Vertriebe in der Kreativhauptstadt angesiedelt. Insgesamt beherbergt Berlin um die 1.400 Unternehmen aus der Musikwirtschaft. Jetzt bricht den Musikern die Basis weg, denn jeder von ihnen braucht einen Raum zum Üben.

Vor zwölf Jahren gab es noch Platz. Rockhaus-Betreiber Dirk Kümmele ließ das ehemalige Post- und Telekom-Bürogebäude 2007 schalldämmen und vermietete die Räume an Musiker. 2015 kaufte die Scharfstein Group das Gebäude. Der neue Eigentümer will mehr Geld machen. Die Musiker sollen gehen. Zwar wird noch über eine Lösung verhandelt, um das Rockhaus zu erhalten. Doch auf einem Immobilienportal werden bereits für Frühjahr 2020 frisch renovierte Büroflächen im Rockhaus angeboten. Das bereitet vielen Musikern Magenschmerzen.

Neue Vermietungskonzepte passen nicht für die Szene
Auf einem anderen Flur im Rockhaus probt die vierköpfige Coverband Spritti Belinda. Frontfrau Maria schüttelt beim Singen immer wieder ihre nachlässig hochgesteckten Locken. Auf der Suche nach einem Raum sei sie oft auf Proberäume gestoßen, die stundenweise vermietet werden. Das Konzept breitet sich aus. Für etwa zehn Euro pro Stunde können die Räume, inklusive Instrumente, online gebucht werden. Doch das ist für die meisten Musiker keine Option. Das eigene Equipment kann oftmals nicht einfach so herumgeschleppt werden. Außerdem macht es den individuellen Sound aus.

Selektive Ankaufstrategie der Verwaltung
Von Staatsseite ist bisher wenig passiert, um die Musikszene Berlins zu retten. 18 subventionierte Räume vergibt die Kultursenatsverwaltung aktuell an professionelle Musiker. Häuser wie das Radialsystem kauft das Land Berlin und verhinderte auch den Verkauf der Alten Münze. Dort sollen in den nächsten zwei Jahren mit einer Investition von 35 Millionen Euro Proberäume entstehen. Auch im ehemaligen Gebäude der Hochschule für Schauspielkunst wird Platz für Musiker geschaffen. Doch das alles dauert mindestens zwei Jahre.

Die freie Szene bröckelt weiter. Der Bunker in Tempelhof hat 100 Bands wegen unzureichenden Feuerschutzmaßnahmen kurzfristig gekündigt. Die 47 Proberäume bleiben vorerst dicht. Man sei bestrebt, die Nutzung zu denselben Konditionen anbieten zu können, merkt die besitzende Immobilienfirma an. Ob das gelingt, könne man allerdings erst sagen, wenn das Brandschutzkonzept steht. Noch sind tausende Bands und Musiker in ganz Berlin aktiv und kämpfen um ihre musikalische Heimat. Doch etliche denken über den Aufbruch aus Berlin nach. Ob andere Orte für die Musikszene bald attraktiver werden, wird sich zeigen. Das Nachsehen hat dann Berlin.