Das Pallasseum in Schöneberg. (Bild: rbb/ Wolf Siebert)
rbb/ Wolf Siebert
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- Brennpunkt Steinmetz-Kiez

Schöneberg-Nord in Berlin: Mehr als 60 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund, in manchen Schulen sind es über 90 Prozent. Hier leben viele Familien, junge Menschen und mehr Empfänger von Sozialleistungen als im Berliner Durchschnitt. Im Steinmetzstraßen-Kiez östlich der Potsdamer Straße ist aber auch ein kriminalitätsbelasteter Ort - vor allem an Silvester und Halloween. Inforadio-Reporter Wolf Siebert hat den Kiez mehrfach besucht und wollte wissen: Was ist da los?

Der Jugendclub "fresh" in der Steinmetzstraße: Eine große Ladenwohnung mit Tischtennisplatte, Billiardtisch und Dartscheibe, eine Küche, ein Zimmer für Hausaufgaben, ein Raum, in dem sich Mädchen ungestört treffen können. In einer großen Sofa-Ecke sitzen Jugendliche und junge Männer, die Silvester aktiv mit dabei waren. Alle haben einen Migrationshintergrund, nicht überraschend, denn in der Straße leben überwiegend Migrantenfamilien. Warum schießen junge Männer gezielt Raketen auf Polizisten und werfen Böller nach ihnen?

 

Auch Angelika Tilp sitzt im "fresh". Wäre sie nicht gewesen, hätten die jungen Männer nicht mit einem Journalisten gesprochen. Die 62-Jährige ist Streetworkerin bei "outreach", ein anerkannter Träger der Jugendarbeit. Tilp kennt den Kiez seit vielen Jahren, jeden Mittwoch ist sie hier im Jugendclub und bietet Beratungen an. Woher kommt die Gewalt? Es gibt nicht den einen Grund, sagt sie. Aber für viele junge Männer ist ihr ungeklärter Aufenthaltsstatus ein Riesenproblem: nur geduldet, nicht gewollt. Die Folge: Frust, Perspektivlosigkeit, das Gefühl von Ausgrenzung.

Seit 2014 eskaliert die Gewalt an Silvester und an Halloween rund um die Steinmetzstraße. Polizei, Bezirksamt und Quartiersmanagement in Schöneberg-Nord haben reagiert und die "AG Böller" gegründet. Und dann ist da noch die "AG Steinmetzstraße", in der freie Träger und die bezirkliche Jugendhilfe zusammenarbeiten. Dazu die vielen anderen Akteure, deren Namen ganze Seiten füllen: Familien-, Jugend- und Straßensozialarbeiter, Anti-Gewalttrainer - das volle Programm. Ein Netzwerk, das nicht nur Gewalt verhindern, sondern auch den Kiez und seine Bewohner stabilisieren soll.

Väter stärken den Kiez
Dazu gehören auch die Väter im Kiez. Hamad Nasser ist der Leiter des Nachbarschaftszentrum des Pestalozzi-Fröbel-Hauses. Nasser kam mit neun Jahren aus Beirut nach Berlin. Auch seine Familie war lange nur geduldet; er kennt das Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft nicht erwünscht, nicht anerkannt zu sein. Eines seiner Projekte ist die "Väter-Gruppe", die es nun seit vierzehn Jahren gibt. Ihr Motto: "Vater sein ist schön!" Zweimal pro Woche kommt hier gut ein Dutzend Väter zusammen, man spricht über Probleme, über Erziehung und auch über Gewalt.

Nasser hat Verbündete gefunden – und die helfen vielleicht auch gegen die Gewalt an Silvester. Aber reicht das? Mit einem modernen Aufenthaltsrecht und einer Stärkung der bezirklichen Jugendarbeit hätte der Kampf gegen Perspektivlosigkeit und Gewalt sicher größere Chancen.