ARCHIV: Spartakus-Aufstand in Berlin, Charlottenstraße, 20.11.1918
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- Schicksalsjahr 1918: Der Umsturz aus dem Untergrund

Die Revolution im 9. November 1918 beendete den 1. Weltkrieg und schaffte die Monarchie in Deutschland ab. Die Revolution aber geschah nicht von selbst. Sie war vorbereitet von einem geheimen Netzwerk in den Betrieben, den "revolutionären Obleuten". Sie arbeiteten seit Anfang des Jahres 1918 auf den Aufstand hin. Inforadio-Reporterin Carolin Haentjes erzählt anhand historischer Dokumente die Geschichte zweier Revolutionäre aus Berlin.

Januar 1918. Die Kriegsbegeisterung ist längst verflogen, viele Menschen hungern. Männer, die nicht an der Front sind, und vor allem die Frauen schuften in den Fabriken, tags, nachts und am Wochenende. Aber der reicht nicht zum Leben. Die Wut der Arbeiter wächst.

Es herrscht Streikverbot - trotzdem brechen immer wieder "wilde Streiks" aus - koordiniert von dem geheimen Netzwerk der "Obleute“. Das sind Vertrauensleuten, die bei inoffiziellen Betriebsversammlungen gewählt werden. Mittendrin, ihr Anführer: Richard Müller. Er hat seine Erinnerungen an die Arbeitertreffen später aufgeschrieben:

„Die Versammlung war von zirka 1500 Personen besucht. Ohne Diskussion, ohne eine Frage zu stellen, ohne Beifallsbezeugung, ruhig, fast unheimlich still, nahm sie den Vorschlag Müllers entgegen und als sich 1500 Hände wir zum Schwur erhoben, wurde kaum die Totenstille gestört. Hier offenbarte sich die Stimmung der Masse, jeder war von der Notwendigkeit des Kampfes überzeugt und jeder hatte unbedingtes Vertrauen zur Führung.“

Müller und eine Handvoll anderer Leute bilden den inneren Kreis des Obleute-Netzwerks. Sie besprechen sich mit anderen Kriegsgegnern - USPD-Mitgliedern, die sich von SPD abgespalten haben, oder den Sozialisten von der Spartakusgruppe. Aber es sind die Obleute,  die den direkten Draht zu den Arbeitern haben - und deswegen den Ton angeben.

„Es war keine Massenorganisation, (….) sondern ein ausgewählter Kreis von Personen, die eine gewisse Schulung und Erfahrung im politischen und gewerkschaftlichen Tageskampf hatten und im Betrieb unter den Arbeitern einen Einfluß haben mußten. Es war im wahren Sinne des Wortes ein „Vortrupp des Proletariats“.

Das Obleute-Netzwerk organisiert im Januar 1918 einen Generalstreik. Ausgehend von den Rüstungsarbeiterinnen legen in Berlin fast eine halbe Million Menschen die Arbeit nieder. Es ist bereits der dritte Generalstreik. Aber es ist der erste, bei dem mehr als das Ende des Krieges gefordert wird. Jetzt geht es um die Abschaffung der Monarchie. Niemand glaubt mehr, an den Kaiser und die Militärs. Die einzige Möglichkeit, den Krieg zu beenden und für bessere Lebensverhältnisse zu sorgen: Revolution.
Die Obleute treffen Vorbereitungen.

Der Historiker Ralf Hoffrogge: „Das Wichtigste war: Der innere Kreis ernennt einen Ersatzmann. Und das zweite war, dass tatsächlich Waffen gesammelt wurden. Also man hat versucht welche zu kaufen, man hat versucht welche zu stehlen. Es wurden auch einige Waffen tatsächlich gesammelt. Und man hat sich vorbereitet auf einen neuen Generalstreik, der aber diesmal auch wirklich als Umsturz gedacht war. Nicht mehr nur als Streik, mit dem man die Regierung zwingt etwas zu tun, sondern als Streik, mit dem man die Regierung beseitigt."

Dass das möglich ist, haben die Ereignisse in Russland bewiesen. Dort ist wenige Monate zuvor - bei Oktoberrevolution 1917 - der Zar gestürzt worden. Die Berliner Obleute - jetzt "revolutionär" - bilden Waffenlager. Auch bei sich zuhause - so wie die Berliner Rüstungsarbeiterin Cläre Casper:

„Ich hatte eine kleine Wohnung in Charlottenburg, in der ich allein lebte, und erklärte mich sofort bereit, an dieser wichtigen und gefährlichen Aufgabe mitzuwirken. Waffen wurden in meine Wohnung geliefert. Zwei zuverlässige junge Genossen (...) packten sie dort um in kleine Kästen mit Schiebedeckeln und beförderten sie mit einem Fuhrwerk zu besonders vertrauenswürdigen Genossen in die einzelnen Stadtbezirke…"

Im Herbst trifft sich ein Geheimgremium von linken Kriegsgegnern, um einen Termin für die Revolution zu finden.

„Da sitzen linke Leute aus der unabhängigen Sozialdemokratie, also die Kriegsgegner, da sitzt Liebknecht drin, der im Oktober 1918 wieder entlassen wurde, da sitzen Müller und die Obleute drin. Und die streiten sich: Soll man jetzt losschlagen, ist die Revolution reif? Müller ist tendentiell jemand der bremst, der sagt: Ist zu früh, wir müssen langsam machen, sonst werden wir überrascht und die hauen uns zusammen. Er hat bis zuletzt Ängste.“

Müller setzt sich durch. Der revolutionäre Generalstreik soll am 11. November stattfinden. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse: Am 3. November kommt es zum Matrosenaufstand, dann zu Protesten in ganz Deutschland. Einer der Berliner Obleute wird verhaftet. Ihre Pläne drohen aufzufliegen - jetzt muss es schnell gehen. Am 9. November wird Aktion gemacht.

„Als ich frühmorgens am 9. November unseren Arthur Schöttler aufstöberte, weckte ich ihn mit den Worten: „Steh auf, Arthur, heute ist Revolution!“ (...) Schon zur ersten Schicht standen wir beide vor der Waffenfabrik und verteilten unsere Flugblätter, in denen die Arbeiter aufgefordert wurden, um neun Uhr die Betriebe zu verlassen. Nachdem wir unseren Auftrag gegen sieben Uhr erfüllt hatten, gingen wir in ein Lokal in der Erasmusstraße. (...) Dort halfen wir schnell den anderen Genossen die Revolver auspacken und die Patronen in die Magazine füllen …“

Ralf Hoffrogge (Historiker): „Die Fabrikanlagen waren vor allem in den Außenbezirken, viele in Nordberlin, von da aus marschieren die Demonstrationszüge nach Mitte, auf den Reichstag. Die Streikenden Demonstrationszüge sind zwar vorne bewaffnet, aber nur die ersten paar Reihen. Hinten die haben alle keine Waffen. Die Obleute wissen ganz genau: Es ist eher eine Überrumpelung, die da stattfindet, und: die Rechnung geht auf. Die Soldaten, die eigentlich verteidigen sollen, lauf en masse über und verweigern den Dienst.“

Cläre Casper (Zeitdokument): „Ohne auf Widerstand zu stoßen, marschierte unser Zug die Kaiserin-Augusta-Allee entlang zur Schloßbrücke. Entwaffnet und besetzt wurde ohne ein Schuß die Polizeiwache, die Gaswerke, alle Betriebe, die Lazarett- und Schlosswache, das Rathaus Charlottenburg und die Technische Hochschule. Unser Zug zählte längst Tausende von Menschen und endete gegen Mittag am Reichstag, wo wir mit anderen Zügen zusammentrafen.“

Aber wie sollte die neue Republik aussehen? Eine parlamentarische Demokratie, wie sie sich die Sozialdemokraten vorstellen? Oder eine sozialistische Räterepublik wie sie von den Obleuten und den Sozialisten gefordert wird?

Nach dem 9. November bilden sich überall in Deutschland basisemokratische Arbeiter- und Soldetenräte. Ein Modell, das während des Januarstreiks erprobt wurde.  Im Dezember treffen sich Abgesandte der Räte in Berlin, um über das zukünftige Regierungssystem zu entscheiden. Bei diesem Reichsrätekongress hat Richard Müller den Vorsitz. Die Obleute sind siegesgewiss - und erleben eine Niederlage. Denn: die Räte, die sie gegründet haben, wollen den Parlamentarismus.

Ralf Hoffrogge (Historiker): „Das war die größte Pleite für Richard Müller und seine Revolutionäre. Richard Müller wird zum Leichen-Müller da. Er sagt: Nur über meine Leiche füren wir hier diesen kapitalistischen Parlamentarismus wieder ein. Und genau das passiert. Die Räte, die er mit ins Leben gerufen hat, machen eine Mehrheit gegen ihn und Müller nennt die Versammlung einen Selbstmörder-Club -“  
- weil sich Räte damit selbst wieder abschaffen. Die Obleute und ihre geheime Struktur, die doch die Revolution vorbereitet hat, lösen sich in den Revolutionswirren auf. Richard Müller verfasste in den Zwanziger Jahren ein dreibändiges Werk über die Revolution. Cläre Casper, später Kommunistin, starb als Unbekannte in der DDR.

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Dominik Lenz befragt den Inhaber einer Mühle (Foto: Inforadio/Kattner)
Inforadio/A. Kattner

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Reportagen zum aktuellen Zeitgeschehen: Journalisten des rbb und ARD-Auslands-Korrespondenten geben einen Einblick in unterschiedlichste Lebenswelten.

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Spartakisten am 1.11.1918 in Berlin (Bild: imago/United Archives International)
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